Was ist das für eine Zeit – Hausgottesdienst 25. April 2020

ein Gottesdienst zu Hause mit allen – durch den Geist verbunden

Kerze anzünden

Stille

Gebet

Gott,

ich bin hier (wir sind hier)

allein

und doch durch deinen Geist alle miteinander verbunden

Und so feiere ich, so feiern wir


in deinem Namen Gottesdienst

Im Namen des Vaters und des Sohnes 


und des Heiligen Geistes

Liedvorschlag: All Morgen ist ganz frisch und neu (Methodistisches Gesangbuch 610)

Prediger 3

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.
10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen.
11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.
13 Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.
14 Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.

Stille

wer mag, liest jetzt die Lesepredigt am Ende oder hört sich die Audiodatei an

Liedvorschlag: Meine Zeit steht in deinen Händen, Methodistisches Gesangbuch 353

Gedankensplitter in den Tag

Ich halte die Zeit in meinen Händen.
Jeden Morgen neu
füllt mir Gott die Zeit
in den golden Becher Tag.
Und ich trinke sie langsam,
Schluck für Schluck
Sekunde für Sekunde. 

Ich leere den Becher
mit diesem kostbaren Nass
bis zur Neige. (Karin Liebl)

Liedvorschlag: Lobet den Herren, Methodistisches Gesangbuch 607

Fürbitt-Gebet

Du Auferstandener,

Christus,

unsichtbar in unserer Mitte.

Zu dir beten wir.

Du bist das Leben.

Du hast dem Tod die Macht genommen.

Doch wir erleben,

wie der Tod immer noch nach uns greift.

Wir bitten um

dein Leben für die, die gegen den Tod ankämpfen,

dein Leben für die, die dem Tod ausgeliefert werden,

dein Leben für die, deren Kräfte versiegen.

Nimm uns die Angst.

Schenk uns Glauben.

Christus, du Auferstandener.

Du bist das Leben.

Du schenkst den Frieden, der die Welt überwindet.

Doch wir erleben,

wie weiter Unfriede herrscht.

Wir bitten um

deinen Frieden für die Menschen in Syrien,

deinen Frieden für alle, die eingesperrt und bedrängt werden,

deinen Frieden in unseren Häusern und Familien,

in unserer Nachbarschaft,

in unserem Land.

Nimm uns die Angst.

Schenk uns Frieden.

Christus, du Auferstandener.

Du bist das Leben.

Du gibst den Müden Kraft.

Du lässt uns aufatmen.

Wir danken dir

für den Atem,

für die Menschen an unserer Seite,

für den Glauben und dein Wort.

Dir vertrauen wir diese Welt an.

Dir vertrauen wir uns an.

Du bist das Leben. Halleluja.

Stille

Vaterunser

Vater unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. 
Amen.

Segen

(eventuell Hände zum “Segenskörbchen“ falten)

Gott segne uns und behüte uns



Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns 



und sei uns gnädig



Gott erhebe sein Angesicht auf uns 



und schenke uns Frieden

Amen.

Stille

Kerze auspusten

Ein Bild, das Text, Zeichnung enthält.

Automatisch generierte BeschreibungPredigt am 26.04.2020

Was ist das für eine Zeit

(Prediger 3)

(Pastorin Katharina Sautter)

Ihr Lieben,

in welcher Zeit leben wir gerade?

Ist es verlorene Zeit? Gestohlene Zeit? Bedauerte Zeit? Ignorante Zeit? Ist es kritische Zeit? Freie Zeit? Geschenkte Zeit? Eine einsame Zeit auch! Auch eine panische Zeit.

In welcher Zeit leben wir gerade? Und wie erlebst du gerade Zeit? Ist sie zu lang(weilig)? Oder genießt du es, „mehr“ Zeit zu haben?

Ihr Lieben, ganz sicher erleben einige von uns gerade diese Wochen als eine wohltuende Zeit ohne Termine, mit mehr Freiheit in der Abendgestaltung und am Wochenende. Ich empfinde das auch als Entlastung und ich möchte mir für die Zeit danach bewusst die Frage stelle: Welche Termine müssen sein und welche tun mir gut? Geschenkte Zeit, entschleunigte Zeit.

Einige von uns erleben diese Zeit auch als sehr herausfordernde Zeit – und ich rede nicht nur davon, dass Schüler*innen zuhause alleine ihren Lehrstoff begreifen sollen und Eltern in Homeoffice sie begleiten – das auch. Eine herausfordernde Zeit, in der wir die Einsamkeit, die soziale Distanziertheit, die Sorge davor, doch den Virus in sich zu tragen und womöglich andere anzustecken oder angesteckt zu werden – eine ängstliche – fast panische Zeit tragen müssen.

Und verlorene, gestohlene Zeit mit den Menschen, die wir schmerzlich vermissen, die uns fehlen – Eltern, Geschwister, Freund*innen. Zeit, die wir nicht einfach nachholen können.

Für unsere Natur ist es wohl gerade eine erholsame, eine heilsame Zeit – sollten wir nicht auch in der Zeit danach bewusster mit unseren Ressourcen umgehen.

Was ist Zeit? Wie erlebe ich Zeit? Es gibt Momente, die möchte ich, dass sie nie zu Ende gehen mögen und Zeiten, die ich fast nicht mehr (er)tragen kann. In welcher Zeit leben wir gerade? Und wie erlebst du gerade Zeit?

Liebe Gemeinde,

in den gemeinsamen Bibelgesprächen in der Hoffnungskirche haben wir vor des gemeinsamen Lesens des Markusevangeliums in der „Expedition zum Anfang“, die Anfänge im Buch Kohelet gelesen – und einen der berühmtesten Abschnitte des Buch Predigers nicht mehr miteinander besprochen. Unsere intensiven Gespräche im Bibelgespräch, unser reger Austausch und auch unser miteinander Ringen fiel mir besonders ein, als ich über dieses Thema nachdachte. Denn so lautet es im 3.Kapitel des Buches Prediger:

Alles hat seine Zeit!

In seinem Gedicht über die Zeit blickt Kohelet, der Prediger, zurück auf das, was er erlebt hat und fasst seine Erkenntnisse zusammen.

Er weiß, was wir Menschen uns wünschen: Ach, wer wollte nicht immer blühen, immer glücklich sein? Leben wir nicht in einer Welt, die immer wachsen, immer aufbauen, immer besseren Zeiten entgegen gehen will? Und wie geht es uns, wenn wir jetzt eine ganz andere Zeit erleben, in der der Fortschritt an manchen Stellen gestoppt wird durch einen Virus? Diese Zeit mit all ihren notwendigen Einschränkungen? Ist das nicht wieder eine verlorene Zeit, so wie wir in unserem persönlichen Leben Rückschläge, Krankheiten, Schicksalsschläge schnell als verlorene Zeit betrachten. Und erst wieder zu leben anfangen, wenn es aufwärts geht.

Der Prediger weiß, wie das funktioniert, lächelt und schreibt: Das hat Gott alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt.

Und wir fragen atemlos: Wie bitte?
Wie bitte sollen wir denn das als schön ansehen, was nun einmal nicht schön ist: Alles, was meistens rechts im Gedicht steht, von ausreißen bis hassen? Sollte das um Gottes Willen nicht besser überhaupt keine Zeit mehr haben?

Der Prediger verneint. Er sagt: Ja, das dachte ich auch.
Bis ich begriffen habe, dass ich nicht Herr meiner Zeit bin. Bis ich begriffen habe, dass Gott Herr meiner Zeit ist. Der Tag, an dem ich das begriff, war der Tag meiner Befreiung. Denn auch dieses begriff ich, dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.


Ihr Lieben,

im Griechischen gibt es zwei Wörter für das Wort „Zeit“. Chronos und Kairos.

Chronos. Das ist die messbare Zeit. Wir haben viele Chronometer – viele Uhren.
Chronos teilt die Zeit ein: in Tage, Stunden und Minuten.
Jeder Mensch hat Zeit – 24 Stunden täglich ein Leben lang.
Kairos – das ist der Augenblick – der Moment – das ist die wundervolle Zeit die Gott uns Menschen schenkt. Kairos – das ist die Zeit von der Christus sagt: Sie ist erfüllt.
Kairos – ist die gelebte Zeit, der richtige Augenblick, die Erfüllung. 

Der Prediger sagt uns: „Alles hat seine Zeit!“
Mit diesem Satz weist er uns genau auf das Phänomen des Kairos.
Alles hat seine Zeit. Was ist unsere Zeit?

Ist die Zeit – die wir hier miteinander – in diesem Hausgottesdienst – erleben, eine erfüllte Zeit – Ist sie der rechte Kairos?
Oder ist das alles nur Eitel und Haschen nach Wind?
Wenn ich noch etwas direkter Fragen darf:
Ist dein Leben eine erfüllte Zeit oder nur Haschen nach Wind?
Egal wie viele Jahre du schon auf dieser Erde lebst – ob 18 und 80 Jahre oder mehr.
Die Frage stellt uns der Prediger – jeder und jedem von uns.
Lebst du die Zeit, die dir Gott schenkt als Erfüllung – oder ist sie wie eine Blume – die verweht, wenn der Wind darüber geht? 

Ihr Lieben, der Prediger sagt: Der Mensch sollte nicht über Anfang und Ende nachgrübeln, sondern sein Herz Gott zuwenden, denn in ihm ist alles und alle Zeit.

Kann ich das? Will ich das? Mein Herz Gott zuwenden. Liebe Gemeinde, wenn die Bibel im Alten (ersten) Testament vom „Herzen“ (heb. leb) spricht, dann spricht sie nicht allein von Gefühlen, sondern sie spricht in erster Linie vom dem Organ, das zum „Verstehen“ bestimmt ist. Der Hebräer denkt mit dem Herzen. Der Mensch soll also seinen Verstand Gott zuwenden, klug sein (wie Luther übersetzt in Psalm 90,21b).

Ihr Lieben, lasst uns Gott unser Herz zuwenden, denn: Wer Gott im Herzen hat, hat alle Zeit als Gottes Zeit. Die nennt man übrigens Ewigkeit. Und befindet sich damit in allen Zeiten in Gottes Hand. Und wie nötig haben wir gerade heute gerade dieses Wissen!

Ihr Lieben,
in welcher Zeit leben wir? Und wie erleben wir Zeit?

Ja, wir leben in herausfordernden Zeiten! Und das weltweit. Wir dürfen – ja müssen – in dieser Zeit auch enttäuscht, unsicher, wütend sein – denn manches, was wir jetzt verpassen, kommt nicht mehr zurück!

Doch ist es eine Chance, bewusst die Zeit, die wir mit den Menschen haben, die wir schmerzlich vermissen – auch in anderer Form – zu füllen. Vielleicht sollten jetzt die Großmütter und -väter unter uns, die ihre Enkel*innen schmerzlich vermissen, die Geschichte ihres Lebens, die Familiengeschichte aufschreiben, für ihre Kinder, Enkel und die Generationen danach. Damit wir Wissen und Erkenntnis weitergeben – und sie nicht verloren geht.

Und vielleicht sollten Enkel*innen ihren Großmüttern und -vätern jetzt das Telefonieren per Videotelefonie beibringen, Briefe schreiben – von Hand – und von dem erzählen, was ihnen Angst macht, oder Mut.

Und vielleicht sollten die erschöpften Eltern gerade jetzt bewusst trotz Müdigkeit abends mit einem Glas Sekt auf sich anstoßen, weil sie großartiges Leisten.

Und vielleicht sollten die, die gerade sehr alleine sind, auch zwischendurch bewusst mit jemand anderen zusammen einen langen Spaziergang machen und die Gespräche genießen. Und wenn wir es dann (so Psychologe Peter Schellenbaum) schaffen, das „allein sein“ in ein „all eins“ sein zu verwandeln, zu spüren, ja, ich bin allein, aber mit mir sind ja auch ganz viele Menschen allein, und wenn ich in der Tiefe meiner Seele, auf dem Grund meiner Seele spüre, ich bin eins mit all diesen Menschen, dann fühle ich mich nicht vereinsamt und isoliert, sondern ich spüre Dazugehörigkeit. Dann kann ich die Einsamkeit auch ein Stück aushalten.

Diejenigen von uns, die im Homeoffice sind oder Kurzarbeit überbrücken müssen: Vielleicht könnt ihr die Zeit der Pause bewusst nutzen, um in aller Stille euch etwas Gutes zu tun – Ein Fußbad, ein Eis, eine kleine Wanderung zu neuen Zielen.

Und für uns alle: Vielleicht ist es dran, eine Schweigezeit zu haben, täglich, wöchentlich, beim Spaziergehen und in meinem Sessel im Zimmer oder auf dem Balkon oder Garten. Ja, im Schweigen werde ich erst mal mit mir konfrontiert und da tauchen vielleicht auch Gefühle auf, stimmt mein Leben überhaupt, oder werden wir vorbeigelebt, oder meine ganzen Sehnsüchte kommen auf. Aber wichtig ist, sich der eigenen Wahrheit zu stellen und mit Neugier in sich selber hineinzuschauen, wer bin ich eigentlich. Wir sind oft auf der Flucht vor uns selber und sich mal selber auszuhalten, fällt manchen nicht leicht. Aber wenn ich mit Neugier daran gehe und mit dem Gefühl, es darf alles sein, ich muss da keine Angst haben vor irgendwas, was da auftaucht, sondern ich möchte mich selber kennenlernen und zugleich wissen, dass ich bedingungslos auch angenommen bin, von Gott angenommen bin, und dass ich so sein darf wie ich bin, dann ist das ein bewusster, guter Weg in dieser stilleren Zeit (Idee von Pater Anselm Grün).

Ihr Lieben, es ist keine neue Erkenntnis, zu der ich euch führe. Aber wie mit so mancher alten Weisheit ist es auch mit dieser: Sie will immer wieder neu im Leben wahr und angewandt werden:

Wenn wir es lernen, den Moment bewusst anzunehmen und vielleicht sogar zu genießen, ganz bei dem zu sein, was wir tun dann wird das, was wir erlebt haben, hat sich uns tief in die Seele eingegraben. Alles hat seine Zeit.

Ihr Lieben, in welcher Zeit leben wir gerade?

Ich empfinde es wie der Prediger Kohelet als Befreiung, ja, als wirklich entlastend, dass ich diese Zeit nicht bewerten, nicht mit Sinn füllen muss. Ich muss sie (er)tragen – ja – ich kann sie nicht ändern! Und in dem Wissen, dass sie nicht in meiner Verantwortung steht, kann ich sie auch tragen.

Und weil ich weiß, dass ich mit dem, wie ich diese Zeit empfinde, mit den Gefühlen, die ich dieser Situation gegenüber habe, der Einsamkeit, Wut, Panik, Sehnsucht, Freude, Gelassenheit, dem Gefühl der Entlastung hinsichtlich der wenigen Termine – mit all dem, nicht alleine umgehen muss.

Denn es ist Gottes Zeit! Und was Gott tut, das besteht für ewig. Man kann nichts dazu tun, noch wegnehmen. Und er teilt uns aus – aus dem Reichtum seiner Gnade. 

Und in seiner gnädigen Hand steht meine Zeit! Deswegen: Lasst uns leben! Jetzt!

Gott sei Dank!                                   Amen. 

Predigt als Audio