„Von nun an wirst du Menschen fangen.“

Predigt zu Lukas 5,1-11

von Mareike Bloedt
Hoffnungskirche am 18.09.2016

Predigttext: Lukas 5,1-11 (Übersetzung aus der Lutherbibel)

 

Liebe Gemeinde,

schon einige Wochen bin ich wieder aus meinem Urlaub zurück. Ich bin in alter Manier in Schweden gewesen. Immer wenn ich dort bin, genieße ich es aufs Meer rauszufahren. Manchmal fischen wir, manchmal genießen wir einfach nur die Ruhe und das unglaublich schöne blaue Wasser.

Doch zu fischen, finde ich jedes Mal ein ganz besonderes Erlebnis.

Ich erinnere mich noch ganz gut: Einmal standen meine Gastmama und ich gemeinsam im Boot. Die Wellen haben leicht gegen das Boot geschlagen und wir haben ganz ruhig Stück für Stück ein Netz aus dem Wasser ins Boot gezogen.

Man muss dabei sehr vorsichtig sein, weil sich das Netz leicht verknoten und verfangen kann.

Das Netz war nicht über die Maßen voll, aber es hat dennoch ziemlich viel Kraft gebraucht, um es aus dem Wasser zu bekommen.

Dieses Erlebnis hat mich an eine Geschichte aus der Bibel denken lassen. Ich lese aus Lukas 5,1-11:

„Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“

Wir befinden uns in dieser Geschichte mit Jesus am See Genezareth. Wie so oft ist Jesus nicht allein. Er ist von einer Menge umlagert. Am Strand sieht man zwei Fischerboote stehen.

Jesus steigt in das Boot, das Simon gehört und lässt sich ein wenig vom Land wegfahren. Von dort aus spricht er zu den Menschen, denn so heißt es: „Die Menge drängte sich zu ihm, um das Wort Gottes zu hören.“

Alle wollen also hören, was Jesus zu erzählen hat. Sie sind neugierig, was er ihnen zu sagen hat.

Und während Jesus so zur Menge spricht, stehen die Fischer bei ihren Booten und waschen die Netze aus. Das heißt: die Geschichte beginnt in den Morgenstunden eines ganz normalen Tages für die Bewohner von Kapernaum.

In meiner Fantasie kann ich mir ganz gut vorstellen, wie es an diesem Tag ausgesehen haben muss. Stellt euch doch mal vor, wie schön es gewesen sein könnte: Das blaue Wasser, die Sonne, die Menschenmenge, die schweigend Jesu Worten lauscht.

Wenn ich mir vorstelle an so einem Ort predigen zu dürfen, würde ich nicht nein sagen. Im Boot sitzend, um sich herum nur Wasser und die Menschen am Land, die mehr von Gottes Wort hören wollen. Das klingt idyllisch.

Doch in dieser Geschichte ist nicht die Predigt Jesu das zentrale Thema, sondern das, was danach kommt: „Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: ‚Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!’“

Ich finde, eigentlich klingt das nach einem guten Vorschlag. Doch wir dürfen nicht vergessen: Mittlerweile ist es mitten am Tag. Jede und jeder, der schon einmal fischen war, weiß, dass man das eigentlich nichts tagsüber macht. Am besten legt man die Netze nämlich nachts oder sehr früh am Morgen aus.

Simon ist ein erfahrener Fischer und deshalb antwortet er: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen;“ Doch Simon endet hier nicht mit seiner Ansage, sondern er spricht weiter: „aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“

Wie spannend. Ein erfahrener und kluger Fischer verlässt die gewohnten Wege, vergisst die klassischen Regeln des Fischens und legt auf einmal mitten am Tag, seine Netze aus. Und alles nur, weil Jesus ihn darum gebeten hatte.

Und jetzt passiert es: „Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begangen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.“

Was für eine Geschichte! Ehrlich gesagt, ist es ziemlich verrückt, was hier erzählt wird. Sie haben so viele Fische gefischt, dass die Boote fast sanken und die Netze zu reißen drohten.

Fischernetz hängt über Kanzel
Fischernetz

Ich habe heute ein Netz mitgebracht (zeigen). Das hier ist ein sehr kleines Dekonetz, aber ich habe schon echte Netze in der Hand gehalten. Das Fischernetz meiner Gasteltern ist beispielsweise ca. 1,80 m hoch und um die 20 m lang. Stellt euch vor, so ein echtes Netz ist so voll mit Fischen, so dass die Gefahr besteht, dass es reißt. Das heißt: es muss wirklich eine unglaublich große Menge an Fischen gewesen sein, die Simon und seine Gefährten gefangen haben.

Ein Märchen? Das kann doch nicht wahr sein, oder?

Diese Geschichte klingt fast wie ein Märchen. Das kann doch nicht wahr sein, oder?

Ähnliches denkt sich wohl auch Simon. Denn er versteht: Hier ist gerade ein Wunder geschehen. Er fällt Jesus zu Füßen und  sagt zu ihm: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“

Simon erkennt, dass Jesu Wort sich als wirksam erwiesen hat. Die vollbeladenen Schiffe sinken ein. Solcher Fang macht den Segen Gottes sichtbar. Dieser durch Jesus ihm geschenkte Segen Gottes beschämt Simon. Er erkennt Jesu Vollmacht und fällt deshalb vor ihm auf die Knie. Simon erkennt: „Ich bin ein Sünder.“

Zwischen diesem göttlichen Herrn, also Jesus, und dem sündigen Menschen, also Simon, kann es keine Gemeinschaft geben. Sie sind nicht gleichgestellt. Deshalb bittet Simon: „Geh weg von mir!“

Schaut man sich das Wort „Sünde“ in seiner ganz ursprünglich griechischen Bedeutung an, so heißt es nichts anderes als „das Ziel zu verfehlen“. Genau in diesem Sinne verwendet Simon Petrus, hier das Wort „Sünder“. Das heißt, er will sagen: „Ich bin ein Sünder. Ich habe das Ziel verfehlt. Ich habe ein Leben gelebt, ohne auf jemanden oder etwas Größeres zu vertrauen. Aber jetzt verstehe ich, es gibt einen, der größer ist. Nämlich Jesus.“

Und genau deshalb fällt er vor Jesus auf die Knie. Doch damit nicht genug, lesen wir: „ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten.“

Sie haben Angst. Die Leute haben noch nie so etwas erlebt. Ihnen bleibt die Sprache weg. Sie staunen über das, was geschehen ist.

Doch wer sind diese anderen, von denen hier gesprochen wird?

Bisher haben wir nur von Simon gehört, der später als „Petrus“ bezeichnet wird. Doch in unserer Geschichte lesen wir: „und alle, die bei ihm waren.“

 Die, die bei ihm waren, werden nun nachträglich eingeführt: „Jakobus und Johannes, sowie die Söhne Zebedäus. Simons Gefährten.“

Sie sind alle Mitarbeiter von Petrus. Haben also zur gleichen Mannschaft gehört. Und dann ist natürlich weiterhin auch die Volksmenge mit dabei, die das Ganze aus gewissem Abstand mitverfolgt.

Und jetzt geschieht so etwas, wie ein zweites Wunder. Denn Jesus sagt zu Simon: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen!“

Aha, Menschen fangen? Mit „Menschenfischer“ wird es auch oft übersetzt. Was will Jesus damit sagen?

Ich finde das klingt etwas komisch.

Aber wenn man genau hinschaut, ist es gar nicht so schwer zu verstehen. Wir alle wissen: Ein Fischer fischt Fische. Aber jetzt sollen Simon und seine Freunde damit aufhören. Sie sollen davon erzählen, was sie erlebt haben. Sie sollen von Jesus erzählen und von dem, was Jesus tut. Sie sollen Botschafter sein und deshalb sollen sie Menschen fangen.

Es ist wichtig, dass Luther hier das Wort „fangen“ verwendet und nicht „fischen“, wie viele andere Übersetzungen. Denn wenn man fischt, dann sterben die Fische, doch wenn man Fische fängt, dann rettet man sie. Deshalb sollen die ganz frisch berufenen Jünger Menschen fangen und nicht fischen. Sie sollen sie retten.

Und so endet unsere Geschichte mit den Worten: „Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“

Was für ein Schluss: „Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“

Jesus muss wirklich Charisma gehabt haben. Er muss mitreißend und begeisternd gewesen sein, damit diese Männer alles hinter sich gelassen haben, um mit ihm mitzugehen. Ich weiß nicht, ob ihr solche Leute kennt. Aber es gibt ja wirklich gewisse Personen, die einen mitreißen, fangen und ganz positiv für sich gewinnen. Ich glaube, so muss Jesus gewesen sein. Eine Person, zu der man einfach nicht „nein“ sagen konnte.

Die Fischer am See Genezareth haben ein Wunder erlebt. Dieses Wunder verändert ihr ganzes Leben.

Am Ende unserer Geschichte, steht das Wort „ihm“; denn ER bestimmt von jetzt an über ihr Leben. Er ist es, dem sie ab jetzt vertrauen.

Jesus hat sie berufen und sie folgen ihm.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das für die Jünger gar nicht so leicht gewesen ist. Das ist genauso wie für uns heute. Was möchte uns also diese Geschichte heute sagen?

Wir haben gehört, dass Simon Petrus die Netze ein zweites Mal auslegt. Einfach weil Jesus ihn dazu beauftragt. Simon ergreift die neue Chance, die er bekommt. Er vertraut Jesus und tut, was er sagt.

Wie ist das bei uns?

Manchmal geschieht uns ja etwas Ähnliches. Wir basteln ewig an einer Sache herum, aber wir bekommen es einfach nicht hin. Wenn wir in so einer Situation gelandet sind, dann sollten wir die Chance ergreifen, neu anzufangen – genauso wie es Simon Petrus macht.

Ich erinnere mich noch ganz gut daran, wie ich mir beim Umzug nach Stuttgart ein neues Sofa gekauft habe. Es ist ein Bettsofa. Aber damit es funktioniert, muss man zunächst den Unterboden in das Sofa einbauen. Und dieses Zusammensetzen war wirklich schwierig.  Ich habe es einfach nicht hinbekommen. Ich habe es unglaublich oft versucht, und dann wollte ich schon aufgeben. Aber bevor ich aufgegeben habe, wollte ich es noch ein einziges Mal versuchen – doch diesmal auf eine andere Art und Weise – und klick, war es eingerastet und das Sofa fertig.

Ganz ähnlich erging es Simon Petrus und seinen Freunden. Sie hatten die ganze Nacht gefischt, aber keinen Fisch bekommen. Aber als sie es mitten am Tag probieren, funktioniert es auf einmal.

Ich glaube, dass uns die heutige Geschichte zeigen will: Es ist gut ab und zu, mal etwas anders zu machen. Mal etwas Neues auszuprobieren. Und es ist gut, wenn ab und zu jemand da ist, der neue Ideen oder Veränderungsvorschläge hat. So was ist wichtig! Denn nur wenn man ab und zu mal mit etwas aufhört, etwas neu oder anders macht, dann sammelt man auch neue Erfahrungen.

In der Geschichte geht es um Nachfolge. Wenn ich jemandem nachfolgen soll oder mir etwas beauftragt wird, dann ist es zwingend, dass ich diesem jemand vertraue, der mich sendet.

Aber das kann ganz schön schwer sein. Denn wem kann ich vertrauen? Kann ich diesem jemand wirklich vertrauen, der mich sendet und ihm nachfolgen?

Ich stehe hier vorne als Pastorin und ihr, die mich kennt, wisst: das mit der Berufung war für mich nie so leicht. Es hat mich immer herausgefordert, berufen zu sein. Denn was heißt es: berufen zu sein? Ich habe immer geglaubt, dass etwas Außergewöhnliches passieren muss. Ein Wunder, so wie bei Simon und den Jüngern, von denen wir heute gehört haben.

Aber so bin ich nicht berufen worden und dennoch weiß ich heute, dass Pastorin der richtige Beruf für mich ist. Doch das macht es nicht leichter nachzufolgen. Jeden neuen Tag ist es  herausfordernd als Pastorin zu arbeiten. Es passiert viel in den Gemeinden und ein Termin jagt den nächsten. Immer wieder frage ich mich: „Wie soll es weitergehen? Schaff ich noch mehr? Pack ich das wirklich? Kann ich durchhalten?“

Und genauso oft wie ich mir diese Fragen stellen, darf ich erleben, dass es doch irgendwie geht. Ich erlebe, dass ich nicht allein auf dem Weg bin. Da ist jemand mit mir unterwegs. Einer, der mir hilft, der mir Menschen schickt, die mich unterstützen. Und dieser jemand, ist Gott.

Für mich ist es deshalb mittlerweile leichter zu sagen: „Ja, ich bin von Gott berufen.“

Doch vielleicht fragt ihr euch jetzt: Und was ist mit uns? Mit uns, die wir nicht als Hauptamtliche in der Kirche arbeiten? Sind wir auch berufen?

Auf jeden Fall. Jesus beruft alle Menschen. Er lädt uns ein ihm zu folgen und auf ihn zu vertrauen. Er sendet uns alle aus, um Botschafter der Guten Nachricht zu sein. Wir alle, sollen von ihm und seinen Geschichten erzählen, egal, ob wir als Krankenschwester, Sekretärin, Lehrer, Anwalt, bei Bosch, beim Daimler oder wo ganz anderes arbeiten oder studieren oder eine Ausbildung machen.

Wir müssen nicht Pastor oder Pastorin sein, um Jesus nachzufolgen. Aber wenn wir Jesus nachfolgen, verändert es unser Leben. Das haben wir heute bei Simon gesehen:

Simon verlässt alles. Er versteht, dass die Begegnung mit Jesus existentiell ist und sein Leben verändert. Und das Gleiche gilt für uns.

Wenn ich bereit bin auf Gottes Botschaft zu vertrauen, dann wird sich mein Leben verändern. Ich bekomme eine Chance neu anzufangen.

Und diese Chance gibt Jesus jedem einzelnen Menschen. Er will, dass wir diese Chance ergreifen. Dass wir rausgehen und von ihm erzählen.

Doch eins ist hierzu sehr wichtig. Ich kann nur rausgehen, wenn ich selber bereit dazu bin. Das heißt, wenn ich selber bildlich gesprochen „erfüllt bin“.

Wenn ich aber ausgelaugt bin, kann ich keine andere Menschen anstecken und begeistern. Dann muss ich zunächst auf mich schauen. In der Stille mit Gott neue Kraft tanken, bevor es wieder losgeht.

Das heißt: wenn ich Jesus nachfolge, muss ich immer die richtige Balance halten. Die Balance zwischen dem, was ich leisten kann und wo ich einmal zurücktreten muss. Nur dann kann ich Gott in vollen Maßen dienen. Ihm dienen im Tun und im Lassen.

In diesem Wissen, möchte ich gerne Jesus nachfolgen und Gott vertrauen. Denn er sagt zu mir:  „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen!“

Amen.