Schonmal einen Schatz gefunden?

Predigt zu Matthäus 13,44-46

von Mareike Bloedt
Hoffnungskirche am 20.08.2017

Liebe Gemeinde,

habt ihr schon mal einen Schatz gefunden?

Freunde von mir haben mal einen goldenen Ring gefunden. Sie haben ihn bei der Polizei abgegeben und nachdem sich nach Wochen niemand gemeldet hat, haben sie ihn zurückbekommen.

Sie haben ihn mir gezeigt: Einen echten goldenen Ring – es war kein dezenter Ring, sondern ein ziemlich pompöser und schwerer Ring. Ein richtiger Schatz eben – vor allem, wenn man bei der aktuellen politischen Lage an den steigenden Wert von Gold denkt… Meine Freunde haben sich gefreut – auch wenn sie gar nicht so richtig wussten, was sie jetzt damit anstellen sollen.

Habt ihr schon mal einen Schatz gefunden?

Ich bin mir sicher, dass schon viele unter uns mal einen Schatz gefunden haben. Vielleicht nicht so was, wie einen goldenen Ring, aber zum Beispiel bei einer Schnitzeljagd.

Das haben vermutlich viele von uns schon mal gespielt und erlebt. Ein Schatz wird versteckt, eine Fährte ausgelegt und dann geht sie los die Schatzsuche …. – und wie glücklich war man doch, wenn man dann endlich den Schatz gefunden hat. Meistens waren es Süßigkeiten (bei uns als Kindern war das zumindest so) und wir Kinder waren happy. Wir waren richtig glücklich und haben uns riesig über unseren Schatz gefreut.

Einen Schatz zu finden. Etwas oder jemand Wertvolles für sich zu gewinnen – das ist toll. Es freut einen.

Vielleicht gibt es gerade deshalb so viele alte Volkserzählungen, in denen es um einen Schatz geht. Sei es in Piratengeschichten oder etwas moderner bei „Herr der Ringe“ – es gibt tausende von Geschichten, wo es um Schätze geht.

Denn wer würde nicht gern mal einen richtigen Schatz finden?

Jesus greift diesen Wunschtraum in einer seiner Geschichten auf, um den Menschen zu erzählen, wie es sich mit dem Reich Gottes verhält.

In der Basisbibel in Mt 13,44-46 heißt es:

„Das Himmelreich gleicht einem Schatz, der im Acker vergraben ist: Ein Mann entdeckte ihn und vergrub ihn wieder. Voller Freude ging er los und verkaufte alles, was er hatte. Dann kaufte er diesen Acker.

 Ebenso gleicht das Himmelreich einem Kaufmann: Der war auf der Suche nach schönen Perlen. Er entdeckte eine besonders wertvolle Perle. Da ging er los und verkaufte alles, was er hatte. Dann kaufte er diese Perle.“

Matthäus überliefert uns hier zwei Gleichnisse Jesu. Die beiden Gleichnisse laufen ganz parallel ab. Ich finde es ziemlich faszinierend, wie hier in nur einem Satz eine ganze Geschichte erzählt wird.

Die erste Geschichte, die uns erzählt wird, handelt von einem Schatz: Ein Mensch entdeckt in einem Acker einen Schatz. Möglicherweise handelt es sich um einen Landarbeiter, der dort beschäftigt ist.

Für uns heute scheint es vielleicht etwas seltsam, warum ein Schatz im Acker versteckt ist, doch im Altertum ist das relativ normal gewesen. Denn in unruhigen Zeiten sind oft Wertsachen aus Gold und Silber in der Erde versteckt worden. Wenn die Besitzer dann nicht mehr dazu-gekommen sind, den Schatz zu bergen, ist er einfach im Boden liegen geblieben.

Der Finder in unserer Geschichte handelt umsichtig: er versteckt den Schatz wieder sorgfältig am Fundort. Anders als in mancher Piratengeschichte, wo es zumeist darum geht, den Schatz möglichst schnell zu bergen und manchmal auch zu stehlen, ist unser Finder geduldig. Er deckt den Schatz wieder zu und überlegt sich, wie er diesen Schatz bekommen kann. Voller Freude, dass er einen Schatz gefunden hat, geht er hin und macht alles zu Geld, was er besitzt. Der Schatz ist sein Fund des Lebens. Deshalb tut er alles dafür, um den Acker (inklusive geheimen Schatz) zu kaufen. Ob dieses Verhalten rechtlich in Ordnung ist, berührt Jesus nicht. Er geht nicht darauf ein.

Offensichtlich geht es ihm nämlich um die Entschlossenheit des Mannes. Das ist es, worauf es in dem Gleichnis ankommt.

Wie er den Schatz holt und was er mit ihm macht, wird nicht erzählt. Es spielt keine Rolle für diese Geschichte.

Die Geschichte endet also offen und es schließt sich unmittelbar eine zweite Geschichte an.

(Unsere Anwälte und Menschen mit Gerechtigkeitssinn werden sich freuen, denn…) In der zweiten Beispielgeschichte handelt es sich zumindest um einen rechtlich einwandfreien Erwerb: Es geht um den Kauf einer Perle.

Perlen sind sehr kostbar gewesen, weil sie aus Indien importiert wurden. Der Kaufmann in unserem Gleichnis sucht gute Perlen. Doch es geht nicht um irgendeine Perle aus Indien, sondern um eine ganz besondere Perle.

Die Perle ist so kostbar und herausragend, dass der Perlenhändler – ein Kenner und Liebhaber von Perlen – alles verkauft, um diese eine Perle zu erwerben.

Dieser Perlen-Experte weiß: Diese einzigartige Perle muss ich besitzen!

Kurz entschlossen, geht er also los, verkauft, was er sonst besitzt, und kauft diese Perle.

Auch hier wird nicht erzählt, was der Kaufmann mit der Perle macht und – was manche Ausleger beschäftigt – wovon er nachher lebt.

Doch das ist eben der Vorteil von Gleichnisgeschichten. Gleichnisgeschichten müssen eben nicht vollständig sein. Es kommt vor allem auf die zentrale Pointe an.

Und was ist die Pointe dieser beiden Gleichnisgeschichten?

Jesus erzählt diese Geschichten, jeweils mit dem einleitenden Satz, „Das Himmelreich gleicht…“

Er versucht seinen Jünger also zu erklären, wie es sich mit dem Himmelreich verhält.

Die Pointe dieser Gleichnisse liegt, laut unserem früheren Bischof Walter Klaiber, im Folgenden: „Wer den Fund seines Lebens macht. Wer dem begegnet, was sein Leben mit Freude und Sinn erfüllt. Für den ist es selbstverständlich, dafür alles andere einzusetzen. So ist es eben auch mit dem Reich Gottes, dessen unmittelbare Nähe Jesus ansagt: Wer dem Himmelreich in Jesu Wirken begegnet und es in seinen Worten und Taten ‚findet‘, der kann eigentlich gar nicht anders, als alles andere dranzugeben, um ganz ihm zu gehören.“ (vgl. Klaiber, Kommentar, S. 282)

Ich gebe zu: man könnte hier leicht reinlesen, dass es hier um eine gewisse Opferbereitschaft geht. Also: Gib alles auf und folge Jesus nach – sonst ist es keine „richtige“ Nachfolge! Aber das ist m.E. ein häufiges Missverständnis in diesem Gleichnis. Darum geht es hier nicht!

Das Gleichnis mahnt nicht zur Opferbereitschaft. Es will zeigen, wie selbstverständlich solche entschlossene Hingabe ist. Wie Walter Klaiber sagt: Wer dem Himmelreich in Jesu Wirken begegnet und es in seinen Worten und Taten ‚findet‘, der kann eigentlich gar nicht anders, als alles andere dranzugeben, um ganz ihm zu gehören.

Das heißt, wenn ich von etwas so berührt, begeistert und angezogen werde, dann werde ich doch alles dafür tun, dieses „etwas“ zu bekommen. Oder was meint ihr?

Ich nehme mal ein anderes Beispiel aus dem Alltag: Immer wieder wird uns Frauen ja nachgesagt, dass wir an Schuhgeschäften nicht einfach vorbeigehen können ohne mindestens ein Paar zu erwerben. Ich gebe zu, ich passe ziemlich gut in dieses Klischee. Ich liebe Schuhe und wenn ich ein Paar finde, das mir gut gefällt und passt, dann ist die Wahrscheinlichkeit schon ziemlich hoch, dass ich mir die Schuhe kaufe… – auch wenn sie vielleicht sehr teuer sind.

Jesus verwendet in seinem Gleichnis anstelle von Schuhen, den Schatz und die Perle. Sowohl der Schatz, als auch die Perle haben einen „Mehrwert“ für den Finder. Es lohnt sich für den Finder alles herzugeben, um seinen Schatz, seine Perle, zu bekommen.

Und das ist eben auch der überwältigende Mehrwert des Reiches Gottes. Die Freude und Lebensfülle, die das Reich Gottes schenkt, stecken und ziehen an. Wer durch Jesus davon erfährt, kann gar nicht anders, als sich mit allem, was man ist und hat, darauf einzulassen. Die Anziehungskraft ist so groß, dass sozusagen Widerstand nicht möglich ist.

Was ich spannend und aufschlussreich an diesen Geschichten finde, ist, dass im einen Fall jemand findet, der gar nicht gesucht hat; im anderen Beispiel aber einer, der auf der Suche war.

Für mich heißt das: In der Begegnung mit Jesus entdecken die Menschen das Himmelreich. Sie erkennen, dass das Reich Gottes wirklich ist. Toll ist es, dass es sowohl die finden, die nicht danach gesucht haben, also auch solche, die auf der Suche nach einem letzten Sinn und der wahren Schönheit des Lebens sind. Sie finden in ihm das, wonach sie sich gesehnt haben.

Das Gleichnis irritiert mich aber auch. Denn ich kenne viele Menschen, die vom Glauben und Gott nichts wissen wollen. Mir scheint: So ganz selbstverständlich ist es dann wohl doch nicht, sich auf Jesus einzulassen. Es gibt im Leben genug Leute, die sich auf ein solches Wagnis mit Jesus nicht einlassen möchten. Sie machen sich nicht auf die Suche nach der kostbaren Perle. Vielleicht bleibt es zu hoffen, dass sie am Ende doch irgendwann zufällig (bzw. von Gott geleitet) den verborgenen Schatz im Acker finden, den sie gar nicht gesucht haben. Denn es lohnt sich.

Es lohnt sich Jesus nachzufolgen. Sich ihm anzuschließen. Den Schatz zu ergreifen.

Als ich diese Predigt geschrieben habe, habe ich zunächst vor allem über den Schatz nachgedacht. Als erstes hab ich wirklich an einen Schatz aus Gold und Silber gedacht (wie er in dieser Geschichte wohl auch gemeint ist), doch dann hab ich festgestellt, dass das Wort Schatz im Deutschen noch ganz andere Bedeutungen haben kann. „Schatz“ sagen wir zu geliebten Personen. Eine Sängerin dichtet zum Beispiel: „Ich habe einen Schatz gefunden und er trägt deinen Namen.“

Aber mir ist auch noch etwas anderes eingefallen: Es gibt eine Schokolade, die „Goldschatz“ heißt und golden verpackt ist. (Schokolade zeigen) Diesen Goldschatz dachte ich mir, würde ich euch gerne mitbringen. Ich habe also einen Ausflug nach Waldenbuch zu RitterSport gemacht, um dort viele kleine Goldschätze zu kaufen. Ich bin zuvor noch nie dort gewesen und als ich den Schokoladenladen betreten habe, war mein erster spontaner Gedanke „Wow, das ist hier ja fast wie im Paradies! Überall Schokolade! Das Himmelreich auf Erden.“ Und so hat mich der schokoladige Goldschatz gedanklich wieder zurück zu meiner Predigt und dem Gleichnis geführt.

Mir wurde bewusst, dass Jesus mir in diesem Gleichnis zwischen den Zeilen einige Frage stellt: Wo hängt mein Herz? Was ist mir das Wichtigste? Ist es Gold und Silber? Schokolade, Schuhe oder doch etwas ganz anderes? Mein Glaube? Meine Spiritualität?

Bin ich bereit Jesus ganz und gar nachzufolgen? Bin ich bereit, wie die Jünger, der Landarbeiter oder der Kaufmann, mich entschlossen Jesus anzuhängen? Mein Herz an ihn zu hängen?

Ich, für mich, sage zu diesen Fragen: Ja. Ja, ich will den Schatz ergreifen und Jesus (weiterhin) nachfolgen. Denn wenn ich so drüber nachdenke, ist mein Glaube mein Fundament und das Wichtigste in meinem Leben. Alles andere ist zweitrangig. Mein Leben wäre nie so verlaufen, wie es verlaufen ist, wenn ich nicht von meinen Eltern von Anfang an den Glauben vorgelebt bekommen hätte.

Wie ist das bei euch? Ich gebe diese Fragen gern an euch weiter und lade euch ein, selber mal darüber nachzudenken: Wo hängt dein Herz? Was ist dir das Wichtigste?

„Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“ (Mt 6,21) So heißt es einige Kapitel früher im Matthäusevangelium. Wo dein Herz ist, da ist dein Schatz.

Jesus lädt uns in diesen Gleichnisgeschichten also dazu ein, sich bewusst zu machen, was unser Schatz ist. Denn wo unser Schatz ist, da ist unser Herz. Und so erzählt er uns das Gleichnis:

„Das Himmelreich gleicht einem Schatz, der im Acker vergraben ist: Ein Mann entdeckte ihn und vergrub ihn wieder. Voller Freude ging er los und verkaufte alles, was er hatte. Dann kaufte er diesen Acker.“

Das Himmelreich gleicht einem Schatz. Jesus lädt uns hier dazu ein, sich auf ihn und damit das Reich Gottes einzulassen.

Für ihn steht nicht der Verzicht im Vordergrund, sondern der Gewinn: der Schatz, der gefunden wird; die kostbare Perle, die erworben wird. Der Schatzfinder ist glücklich, der Kaufmann ist am Ziel; er findet, was er letztlich gesucht hat.

Beide setzen ohne Rückversicherung alles aufs Spiel – und sie gewinnen. Ich frage mich: Haben die beiden nicht das Glück ihres Lebens gemacht? Ist es so nicht auch mit den Nachfolgern Jesu?

Ihr Leben bekommt eine ganze neue Wendung durch die Begegnung mit Jesus. Sie ändern ihr Leben und bekommen somit Teil am Reich Gottes.

Und genau dazu lädt uns Jesus heute ein. Den Schatz zu ergreifen, denn wie sagt Walter Klaiber: „Wer den Fund seines Lebens macht. Wer dem begegnet, was sein Leben mit Freude und Sinn erfüllt. Für den ist es selbstverständlich, dafür alles andere einzusetzen. So ist es eben auch mit dem Reich Gottes, dessen unmittelbare Nähe Jesus ansagt: Wer dem Himmelreich in Jesu Wirken begegnet und es in seinen Worten und Taten ‚findet‘, der kann eigentlich gar nicht anders, als alles andere dranzugeben, um ganz ihm zu gehören.“

Amen.