Predigt – Wut lass nach

von Pastorin Katharina Sautter
Lukasevangelium – die Emmausjünger
Predigt nach Ostern in der Hoffnungskirche 18.04.2021
Es gilt das gesprochene Wort.


Liebe Gemeinde,
Gerade war Ostern und kein Wunder ist geschehen, jedenfalls nicht, was Corona betrifft. Es ist immer noch da.
Gerade war Ostern – wie es wohl den Jüngerinnen und Jüngern in den Tagen nach der Auferstehung gegangen ist?
Wir wissen von den Emmaus Jüngern, dass sie voller Fragen unterwegs waren. Verwirrt, ängstlich, niedergeschlagen – wo war Jesus?
Und auch voller Enttäuschung. Sie hatten so sehr auf Jesus den Messias gesetzt. So sehr auf ihn gehofft. Auf ein Wunder der Befreiung. Waren vielleicht einige der temperamentvollen Jünger:innen vor Müdigkeit und Enttäuschung sogar wütend?

Liebe Gemeinde,
Es gibt eine neue Wortschöpfung, die in den letzten Wochen die Runde vor allem in den Sozialen Medien machte – das Wort ist zusammengesetzt

mütend: Müde und wütend.

Und ich kann dieses Gefühl gerade müde und auch wütend zu sein nachvollziehen. Ja, ich bin müde und ja, ich bin auch wütend. Nicht wütend auf die Politik, wie manche, die diesen Hashtag nutzen. Wütend bin ich auf das Virus.
Wütend bin ich. Und das ist mehr als Enttäuschung, mehr als Niedergeschlagenheit.
Und da gibt es den einen oder anderen Grund müde und wütend zu sein. Auch neben der Pandemie, die schon soviel von uns fordert. Ich musste Menschen begraben, und
Träume. Ich war krank. Ich wurde verletzt und enttäuscht und missbraucht.

Liebe Gemeinde,
Es ist eine herausfordernde Frage, aber sie ist wichtig: Warum bin ich müde? Woher kommt meine Enttäuschung? Ist da vielleicht Wut in mir?
Ihr Lieben, die Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus waren enttäuscht. Und dabei ist enttäuscht zu sein etwas, was sie letzten Endes der Wahrheit näher bringt. Denn wenn ich Enttäuscht bin, dann sitze ich nicht länger eine Täuschung auf, sondern stelle mich dem, wie es ist. Jesus war den Weg des Todes gegangen und nicht den triumphalen Weg des
Kämpfers. Das mussten die Jünger verkraften. Und sie rangen mit dieser Enttäuschung und konnten erst einmal nicht sehen, was für eine heilsame Rettung in dem Lag, was geschehen war. Diese Ent-täuschung ist der erste Schritt zur Heilung.
Vielleicht bin ich enttäuscht darüber, dass mein Leben sich anders gestaltet, als ich mir das immer gewünscht habe?
Vielleicht bin ich enttäuscht darüber, dass meine Beziehung und die Gefühle zueinander in die Jahre gekommen sind?
Vielleicht bin ich enttäuscht darüber, dass ich einen lieben Menschen viel zu früh hergeben musste? Dass ich schwer krank bin?
Worüber bin ich enttäuscht?
Und wem muss ich auf Grund dieser Enttäuschung vielleicht vergeben? Meinen Eltern? Meinem Partner? Mir selbst? Bin ich vielleicht sogar enttäuscht von Gott?
Weil ich etwas anderes von ihm erwartet hatte! Weil ich einen Lebenstraum habe, den ich Gott anvertraute, und er zerplatzt. Weil ich mich so danach sehne, ihn zu spüren und
zu erleben – und doch scheinen meine Gebete ins Leere zu laufen. Weil ich ihm Menschen anvertraut hatte, die ich verloren habe? Ich hatte wie die Jünger:innen alles auf Gott
gesetzt und wurde enttäuscht! Und über mancher dieser Enttäuschungen wurde ich auch wütend.
Ihr Lieben, es gibt tausende von Gründen, warum man auf Gott sauer sein kann. Ja, ich bin sauer manchmal. Und wütend.
Und ich glaube, es ist in Ordnung auch auf Gott wütend zu sein. Irgendwie zumindest. Und ich weiß: Ich bin mit meiner Wut nicht alleine.
Ihr Lieben, Ich glaube, wir brauchen gerade in diesen herausfordernden
Zeiten dringend den Mut, ganz ehrlich zu sein. Darum lasst

uns ehrlich sein! Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus
waren es. Sie waren ehrlich zu ihrem unerkannten Begleiter.
Und ehrlich bin ich auch in meinem Gebet!
Ich habe gebetet für meine Situation. Aber alles war wie
vorher.
Ich weiß, dass, wenn Gott es wollte, könnte er etwas ändern.
Aber aus welchem Grund auch immer – ein Grund, den ich
jedenfalls nicht verstehe – lässt er zu, dass es vorerst so
bleibt. Es gibt manche Grenzen, die er selbst setzt, warum
auch immer. Es gibt manche Wunder, die er nicht tut, warum
auch immer. Und es gibt Dinge, bei denen er scheinbar
schweigt und nicht eingreift, warum auch immer. Momente,
in denen Gott mich mit seinem Handeln – oder nicht handeln enttäuscht.
Er lässt zu, dass gewisse Dinge passieren und dass wir die Gründe dafür nicht begreifen können – und manche Dinge lässt er zu, weil sie Teil unseres Lebens in der Sterblichkeit
sind. Gerade da aber wird es schmerzhaft. Das ist der Punkt, an dem wir ringen. Ich weiß, dass meine Vorwürfe menschlich und auf meinem Unverständnis begründet sind. Aber ich bin enttäuscht und es macht mich wütend. Auch wenn ich mir mit
der Wut schwer tu.
Ihr Lieben, Ich glaube nicht, dass ich deswegen schlecht bin bzw. eine
Sünderin. Ich glaube vielmehr, dass es mich zu jemandem mit normalen Emotionen und Gefühlen macht. Und ich bin damit nicht allein. In der Bibel geht es beileibe nicht nur um Immer-Liebsein. In vielen biblischen Aussagen sind Wut und Zorn nicht das Gegenteil von Liebe. Sie gehören zur Liebe dazu. Und zwar bei Gott und den Menschen.
Wut gibt es auch in den biblischen Erzählungen: Das murrenden Volk Israel, das ständig schimpft und wütend ist und zurück will zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Der treue
Nehemia „wurde … sehr zornig“, als er von der Unterdrückung einiger seiner Glaubensbrüder erfuhr (Nehemia 5:6). Und Kain und Jona. Manchmal wird auch Gott
zornig über sein Volk. Und auch Jesus kann richtig aus der Haut fahren. In der Bibel steht wir er im Tempel mach richtig ausrastet und Tische der Geldwechsler umschmeißt und die
Stände der Taubenhändler!
Nicht all diese Wut entspringt aus der Enttäuschung. Oder doch?
Ihr Lieben, wir sind in guter Gesellschaft – und ich frage mich, wie soll ich mit meiner Wut umgehen?
Ist es ein Weg zu vergeben? Ja, soll ich Gott vergeben? Kann ich das überhaupt?
Liebe Gemeinde, ich kann mir vorstellen, dass allein diese Frage ketzerisch
wirkt. Aber – die Wut ist da und die Enttäuschung. Es ist in Ordnung, wütend auf Gott zu sein – solange man das nicht für immer ist; nicht weil es eine Sünde ist, wütend auf Gott zu sein, sondern weil Wut und Groll verhindern, dass ich im Gespräch bleibe und im Kontakt. Ich sage schnell: „Mit dem rede ich nicht mehr!“ Statt zu sagen: „Ich bin scheiß wütend auf dich!“

Wenn ich in meiner Wut und in meinem Groll stecken bleibe, dann kappe ich die Verbindung. Um in Verbindung zu bleiben muss der Groll raus, die
Enttäuschung und ggf. auch die Wut müssen ausgesprochen sein. Die Jünger auf ihrem Weg öffnen sich in dem Augenblick, als sie ihre Geschichte erzählten. Und dann konnten die beiden Jesus erkennen und neu vertrauen. Ihr Lieben, manchmal kostet das ganz schön viel Mut und auch Geduld.
Doch wird es mich erleichtern und einen neuen Weg möglich machen, wenn ich mit meiner Wut zu dem gehe, auf den sie sich richtet. Und ihm vergebe! Liebe Gemeinde, nicht, weil Gott diese Vergebung nötig hat – sondern weil sie mich entlastet. Weil ich in ihr meine Wut loslassen kann.
Ist dieser Gedanke zu herausfordernd? Dann bleib zumindest dran an Gott. Blende die negativen Erfahrungen und Gefühle nicht aus. Sei ehrlich, denn, ja auch Menschen, die Gott in einer tiefen Weise lieben und respektieren, können von Gott enttäuscht sein. Natürlich weiß ich rational, dass Gott keine Fehler macht. Aber es fühlt sich so an. Ja, und doch ist die Seele voller Vorwürfe und Anklagen. Und ich muss mich nicht dafür schämen! Es ist wichtig, auch darüber ehrlich zu sein.
Und Gott zu vergeben!
Zu vergeben, dass ich ihn nicht verstehe.
Zu vergeben, dass er mir deswegen unendlich weh tun kann.
Zu vergeben, dass ich enttäuscht bin.
Zu vergeben, dass ich leiden muss!
Kann ich so vergeben?

Ihr Lieben – beim Vergeben geht es um schwerwiegende Dinge. Da geht es um’s „Eingemachte“; um das, was uns im Magen liegt und das Herz schwer macht. Das macht es nicht leicht. Aber meine Ehrlichkeit wird die Beziehung bereinigen.
Die Beziehung wird sich verändern, ja – vielleicht wird sie tiefer, schwerer, ehrlicher.
Bin ich bereit, mich auf diesen steinigen Weg zu machen? Bin ich so mutig?
Ihr Lieben: Vergeben ist zuallererst eine Willensentscheidung und hat weniger mit Gefühlen zu tun, als wir meinen. Bin ich dazu entschieden, meine Beziehung zu Gott zu intensivieren, in dem ich mich auch mit meiner Enttäuschung und Wut an
ihn wende? Wenn ich sie Gott gegenüber zum Ausdruck bringe und sie dann loslasse, finde ich eine Perspektive und Heilung. Ihr Lieben, wenn wir die Wut nicht alleine loswerden, dann müssen wir darüber reden, z.B. einem Seelsorger oder
Therapeutin. Loslassen muss ich nicht alleine.
Dazu brauche ich die Heilige Geisteskraft, den Heiligen Geist. Ich möchte ihn um Hilfe bitten, um Enttäuschung auf dem Grund zu gehen und die Wut in den Griff zu bekommen.
Bei mir ist es so, dass die Wut raus muss. Ich poltere, schreie und stampfe mit den Füßen auf.
Vielleicht hilft es, mir selbst im Spiegel die Wut zuzugestehen. Oder einen ungeschönten Brief zu schreiben – an Gott oder an den Menschen, auf den ich wütend bin.
Vielleicht heißt es, täglich dieses Gebet zu sprechen:

Herr, Ich brauche deine Hilfe, um mit der Enttäuschung und der Wut in mir fertigzuwerden. Ich danke dir, dass die Kraft des Heiligen Geistes in meinem Leben wirksam ist, weil du mich liebst und mir gnädig bist. Bei dir kann ich heil werden.
Ihr Lieben, warum dieser Weg? Weil wir sonst in unserer Enttäuschung und in unserem Zorn gefangen sind. Und wir verbittern. Und uns verschließen. Wenn ich vergebe, dann
öffne ich mich. Und dann kann und wird mir Gott begegnen.
Und ich kann lernen zuzulassen, dass Gott anders handelt, als ich es mir vorstelle.
Jesu ist den Jünger:innen nach Ostern begegnet – und er hat ihre Gefühle ernstgenommen, ist mit ihnen gegangen, hat zugehört und sie erinnert. In dieser Begegnung erfahren wir
neu wie nahe uns Jesus ist, dass er uns versteht und uns gerade deswegen liebt. Und mir vergibt.
Denn Gott ist nicht böse auf mich! Er straft nicht und unsere Probleme sind kein Zeichen dafür, dass Gott böse auf uns ist!
Ihr Lieben,
Gerade war Ostern und was Corona betrifft: Es ist immer noch da. Und die meisten von uns sind müde und manche wütend und manche sind mütend.
Es ist in Ordnung – das gehört zum Menschsein einfach dazu!
Aber sorgt dafür, dass ihr diese Gefühle nicht immer mit euch herumtragt. Sondern teilt sie. Denn darin liegt Heil!
Versprochen! Deswegen: Lasst euch versöhnen mit Gott!
Amen