Predigt: „Gott lieben heißt Nächster werden!“

Text/Thema: Lukas 10,25-37 (Gott lieben heißt Nächster werden!)

Gehalten (Datum/Ort):Markus Bauder 29.8.21 S-FK (Bezirk)

„Was muss ich tun um das ewige Leben zu bekommen?“

So beginnt der Abschnitt in der Bibel, über den ich heute mit Euch nachdenken will.

Aber schon diese Eingangsfrage lässt mich ins Grübeln kommen.

Ewiges Leben …

Ist das eine Frage, über die heutige Menschen nachdenken? Ist diese Frage für heutige Menschen nicht völlig irrelevant? Das gegenwärtige Leben ist wichtig, aber was nach dem Tod kommt …? Jede Aussage darüber ist doch mit großer Vorsicht zu genießen…

Dabei ist die Frage nach einem ewigen Leben ja nur unter einer Perspektive wirklich wichtig: wenn wir in jedem Fall eine unsterbliche Seele haben.

Wenn mit dem Tod alles zu Ende ist, stellt sich die Frage nicht.

Nur wenn der Tod ein Übergang ist, ist die Frage wichtig, ob unser Leben hier etwas für das Leben nach dem Tod austrägt?

Genauer muss die Frage also lauten: Was muss ich tun, damit mein ewiges Leben ein gutes, ein glückliches sein wird?

Was würden wir antworten?

Viele von uns würden vielleicht antworten, dass man an Jesus Christus glauben soll. Sein Tod und seine Auferstehung ermöglichen uns ein gutes, himmlisches ewiges Leben.

Manche würden vielleicht noch auf die Taufe verweisen.

Jesus antwortet auf die Frage des Gesetzeslehrers anders. Der Glaube spielt dabei keine Rolle. Oder nur insofern er zu den richtigen Entscheidungen und Taten im Leben führt.

Jesus antwortete: „Was steht denn im Gesetz? Was liest du dort?“

Der Gesetzeslehrer antwortete: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand und liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

„Du hast richtig geantwortet“, sagte Jesus. „Handle so, dann wirst du leben.“

Aber dem Gesetzeslehrer war das zu einfach, und er fragte weiter: „Wer ist denn mein Nächster?“

Jesus nahm die Frage auf und erzählte die folgende Geschichte:

„Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab. Unterwegs überfielen ihn Räuber. Sie nahmen ihm alles weg, schlugen ihn zusammen und ließen ihn halb tot liegen.

Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg. Er sah den Mann liegen und ging vorbei.

Genauso machte es ein Levit, als er an die Stelle kam: Er sah ihn liegen und ging vorbei.

Schließlich kam ein Reisender aus Samarien. Als er den Überfallenen sah, ergriff ihn das Mitleid. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier und brachte ihn in das nächste Gasthaus, wo er sich weiter um ihn kümmerte. Am anderen Tag zog er seinen Geldbeutel heraus, gab dem Wirt zwei Silberstücke und sagte: ‚Pflege ihn! Wenn du noch mehr brauchst, will ich es dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.’“

„Was meinst du?“, fragte Jesus. „Wer von den dreien hat an dem Überfallenen als Nächster gehandelt?“

Der Gesetzeslehrer antwortete: „Der ihm geholfen hat!“

Jesus erwiderte: „Dann geh und mach du es ebenso!“

Dann, so könnte man die Pointe weiterführen, wird dein ewiges Leben ein gutes sein. Dann bist du auf der richtigen Spur …

Die Geschichte ist eigentlich recht einfach. Die Frage nach einem guten ewigen Leben wird beantwortet mit dem Doppelgebot der Liebe. Wobei das Doppelgebot hier eine deutliche Zuspitzung und Konzentration auf die Nächstenliebe erhält. Und so wird das ganze Gespräch von einer theologischen Diskussion um richtige Antworten zu einer Frage des persönlichen Lebens und der Lebensführung.

Kurz gefasst könnte man sagen: ob dein ewiges Leben ein gutes wird, hängt von deiner Liebe zu Gott ab. Und diese ist untrennbar mit deinem Leben als Mitmensch, mit der Liebe zu deinen Mitmenschen verbunden.

Ein gutes ewiges Leben hängt nicht an deiner religiösen Reputation, deiner Konfession oder deinem Bekenntnis. Entscheidend ist, ob du das Richtige tust. Nicht so sehr, ob du das Richtige glaubst. Wobei das Eine schon etwas mit dem anderen zu tun hat.

Jesus diskutiert mit einem jüdischen Lehrer. Einem Gesetzeskundigen. In der Geschichte aber übernimmt der Samariter die Rolle des Guten.

Samariter waren für den gesetzeskundigen Lehrer Menschen, mit der er nichts zu tun haben wollte. Das waren Ungläubige, Heiden, Fremdreligiöse.

Weil in der frühen Kirche Jesus mit dem Samariter in Verbindung gebracht wurde, hat die Kirche den Samariter schnell für sich eingenommen. Auf Bildern war er ein Heiliger, gar Jesus selbst. Aber im Ursprung war es anders. Da war er Angehöriger einer Gruppe, die die falsche Religion hatten.

Rembrandt hat, anders als andere, in seinen Bildern den Samariter als Türken dargestellt, dem Feindbild seiner Zeit.

Wir spüren die Zuspitzung. Alle haben eine unsterbliche Seele. Alle haben irgendwie ein ewiges Leben.

Aber es wird für diejenigen gut, die richtig handeln. Auch wenn sie die falsche Religion haben und wir sie als Ungläubige bezeichnen würden.

Jesus sagt – in Sachen Nächstenliebe ist nicht entscheidend, was du denkst, sondern was du tust. Wie gehen wir mit unseren verwundeten, verletzten, notleidenden Mitmenschen um? Unabhängig von Religion, Geschlecht, Herkunft, Rasse oder gesellschaftlicher Herkunft. Der, der das tut, macht es richtig. Auch vor Gott richtig. Gehe hin und mach es genauso.

Die Frage eines guten ewigen Lebens entscheidet sich an deiner Beziehung zu Gott. Du sollst dich ganz Gott zuwenden. Aber diese Zuwendung an Gott hat einen alles entscheidenden Gradmesser: die Nächstenliebe.

Dabei ist spannend, dass der Nächste sowohl Objekt als auch Subjekt ist. Wer ist denn mein Nächster? Das fragt der Gesprächspartner Jesu. Und Jesus fragt am Ende: Wer ist dem Notleidenden zum Nächsten geworden?

Objekt oder Subjekt, sagt die Bibel, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Distanz überwunden wird. Dass man den anderen nicht nur mit den Augen sieht, sondern auch mit dem Herzen. Und sich näher kommt. Nahe kommt.

Dabei geht es nicht um Sympathie oder darum, ob man den anderen nett findet. Der Mensch, der hier in Not ist, wird mit keinem Wort näher beschrieben. Absichtlich. Es ist einfach ein Mitmensch in Not.

Es geht auch nicht darum, dass man sich nun mit dem anderen verbünden oder verbinden müsste. Es geht auch nicht um Freundschaft oder gar eine lebenslange gegenseitige Verpflichtung.

Der Samariter sah die Not des anderen (Objekt) und sie hat ihn dazu gebracht, seine Distanz aufzugeben und dem Verletzten nahe zu kommen. Zum Nächsten zu werden. Subjekt sein. Ich bin oder werde Nächster. Dabei hat er sich in seiner Reise unterbrechen lassen, hat das Seine getan, dann die Verantwortung in andere Hände gelegt, dafür gesorgt, dass der Wirt seiner Verantwortung auch gerecht werden kann und ist dann weitergezogen. Bei der Rückreise wollte er noch einmal vorbeischauen. Er hat sich dem Verletzten nicht auf ewig verbunden. Auf Zeit und mit der nötigen Sachlichkeit hat er seine Verantwortung wahrgenommen. Er hat den Verletzten nicht an sich gebunden. Ihn letztlich zu nichts verpflichtet. Weder suchte er Dankbarkeit, noch eine Entschädigung, noch gar, dass der Verletzte seinen Glauben annahm. Er tat, was getan werden musste. Und gut wars.

Mir wird immer der Besitzer einer Porschewerkstatt in Reutlingen in Erinnerung bleiben, bei dem wir Theologiestudenten unsere Autos fast kostenlos reparieren lassen konnten. Er ging jeden Freitagnachmittag ins Altersheim um mit einigen Bewohnern spazieren zu gehen. Auch als seine Mutter gestorben war. Auf meine Frage, warum er das tut, antwortete er: weil es nötig ist. Ihnen tut es gut und ich kann es tun.

Wir Frommen meinen oft, es bräuchte auch noch die richtige Gesinnung. Von uns als Christen und von den Anderen. Dabei spielt das in der Geschichte keine Rolle. Nächstenliebe geschieht vorurteilsfrei und letztlich zweckfrei. Sie hat nicht den Sinn, dass andere uns Christen besonders dankbar sein müssen oder gar Kirchenglieder werden. Sie hat nur den Sinn, dem Menschen zu helfen. Seine Not zu sehen, Distanz zu überwinden und Hilfe zu sein. In dem Maß wie es nötig und möglich ist.

Interessant fand ich, wie man diese Geschichte in den 60iger bis 80iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verstanden hat. Da ging es plötzlich um Fragen wie, dass man die Straßen sicherer machen muss, damit Menschen nicht unter die Räuber fallen. Oder was man tun muss, damit Menschen ihren Lebensunterhalt nicht durch Raub verdienen müssen.

Sicher auch wichtige Fragen, aber die zentrale Frage dieser Geschichte ist der Nächste. Ich als Nächster und mein Mitmensch als Nächster.

Wir können jahrelang nebeneinander leben, ohne Nächste zu sein. Ohne die Distanz aufzugeben.

Sich so nahe zu kommen, dass man spürt, was der andere braucht. Und um die Bereitschaft, dies dem Nächsten zukommen zu lassen. Ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.

Das gilt für jeden Einzelnen, aber auch für uns als Gemeinden. Wo wollen und wo können wir Distanz überwinden und Nähe zulassen. Distanz zu Menschen, die nicht unseren Glauben haben, die nicht in die Kirche kommen, die einfach uns und unsere Möglichkeiten brauchen, um leben zu können.

Ich finde diese Geschichte gerade angesichts einer Pandemie, die uns zur Distanz gezwungen hat, spannend. Nähe herstellen, ohne sich zu nahe zu kommen.

Viele haben das versucht und auch gemacht. Und das war und ist richtig so. Die Not sehen, die Möglichkeit haben, Nächster zu werden und es nicht zu tun, dafür gibt es eigentlich keine Entschuldigung.

Allerhöchstens Vergebung …

Trotzdem geschieht es natürlich oft. Dass wir Not sehen, die Möglichkeit haben, etwas zu tun. Und es trotzdem nicht tun…

Das weiß natürlich auch Jesus…

Mit dieser Geschichte will er uns ermuntern, die Sache nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und darauf zu hoffen, dass er uns schon irgendwie vergeben wird…

Ein gutes, ewiges, himmlisches Leben – da kannst Du und ich eine Menge dazu beitragen. Indem wir das Richtige tun, immer wieder Distanz überwinden und Nähe zulassen. Indem wir bereit sind, selbst einem anderen zum Nächsten zu werden.

Dazu segne uns Gott. Amen