Predigt „Der gute Hirte“

Text/Thema: Johannes 10, 11-15 (Der gute Hirte)
Gehalten (Datum/Ort): 25.04.21 S-HK (Livestream) von Markus Bauder

Heute geht es um den guten Hirten. Das ist ein Bild oder eine Vorstellung, die in der Bibel an etlichen Stellen auftaucht. Wir haben vorhin schon einen Text dazu gehört. Vielen von uns ist auch der Psalm 23 geläufig: der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…
Auch im Neuen Testament wird das Bild vom Guten Hirten verwendet. Jesus verwendet es für sich selbst. Im Johannesevangelium sagt er:
11 »Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe.
12 Anders ist das bei einem, der die Schafe nur für Geld hütet. Er ist kein Hirte, und sie gehören ihm nicht: Wenn er den Wolf kommen sieht, lässt er sie im Stich und läuft weg. Und der Wolf reißt die Schafe und jagt die Herde auseinander.
13 Denn so ein Mensch hütet die Schafe nur für Geld, und ihm liegt nichts an den Schafen.
14 Ich bin der gute Hirte. Ich kenne die, die zu mir gehören, und die zu mir gehören, kennen mich.
15 Genauso kennt mich der Vater, und ich kenne ihn.
Ich bin bereit, mein Leben für die Schafe einzusetzen.

Der Gute Hirte.
Gott ist der gute Hirte, der die Menschen auf ihrem Lebensweg begleitet und zum Ziel führt.
Oder wie in der alttestamentlichen Lesung, in der Gott sich über die schlechten Hirten Israels beklagt und sich selbst zum Hirten seines Volkes macht. Dann tut er das, was ein guter Hirte tut: verirrte Schafe suchen, sie retten, ihnen gutes Land zum Leben geben.
Alles mündet in dem Satz: Ich will das Verlorene suchen, das Verirrte zurückbringen, das Verwundete verbinden, das Schwache stärken und die gesunden und starken in Schranken halten. So wie es recht ist.
Jesus geht sogar noch einen Schritt weiter, er bezeichnet sich deshalb als guter Hirte, weil er sein Leben lässt für seine Schafe.
Was zunächst einmal übertrieben erscheint. Auch damals hat niemand von einem Hirten verlangt, sich für die Schafe umbringen zu lassen. Und darüber hinaus, was hilft der Herde ein toter Hirte.
Das wird erst dann verständlich, wenn wir uns bewusst machen, dass diese Texte weit über das Bild von einem Schafhirten hinausgehen.
Das Bild vom Hirten war schon in alttestamentlicher Zeit ein Bild für den König. Im Grund ein politischer Titel, eine politische Forderung.
Aus dem Jahr 1.970 vor Christus gibt es aus dem Land der Sumérer eine Schrift, in der eine Gottheit den König befähigt. Dort heißt es: „Gott hat dir ein großes Geschick bestimmt. Er hat dich zum Hirten über das Land der Sumerer bestellt und dir befohlen, die gute Führung der Sumérer zu festigen, die Menschen einträchtig zu machen, den Menschen reichlich Speise und Trank zu geben.“
Im Grunde zentrale Inhalte guter Politik: gute Klimapolitik, ausreichende Nahrungsmittel, Zugang zu Trinkwasser, Bewältigung von Konflikten, Ausgleich verschiedenster Interessen.
Darum geht es bei dieser politischen Hirtentätigkeit! Oder eben gut durch eine Pandemie zu führen. Alle sollen Zugang zu medizinischer Hilfe haben und es gibt rechtzeitig und genügend Impfstoff oder Tests.
Hirte ist in diesem Sinn ein Verantwortungstitel an alle, die Verantwortung für andere Menschen haben. Also alle Formen von Chefsein für andere. Aber auch Lehrer und Lehrerinnen genauso wie Eltern und Gruppenleiter. Und natürlich alle, die politische Verantwortung haben oder haben wollen.
Im Gemeinderat, Landtag oder Bundestag. Das ist die Verantwortung, die ein zukünftiger Bundeskanzler, eine Bundeskanzlerin anstrebt. Im Grunde ein Hirtenamt.
Schon damals im Alten Testament war klar: das ist eine Aufgabe, die durchaus schwierig ist und mit persönlicher Verantwortung einhergeht. Alle werden sich daran messen lassen müssen, ob sie wirklich zum Wohl der ihnen anvertrauten Menschen gehandelt haben.
Und wir sehen auch, dass es unter menschlichen Hirten solche und solche gibt. Und ja, manche nutzen ein solches Amt auch aus, um sich persönlich einen Vorteil zu verschaffen und denken vor allem an sich selbst. Aber nicht alle. Viele nehmen diese Verantwortung sehr ernst.
Das Adjektiv „gut“ unterscheidet in der Bibel Gott, bzw. Jesus von allen anderen Hirten. Ich bin der gute Hirte.
Dass Jesus der gute Hirte ist, wird erst aus einer Perspektive nach Ostern deutlicher sichtbar. Die Hingabe des eigenen Lebens allein wäre noch kein Alleinstellungsmerkmal. Außerdem nützt ein toter Hirte seiner Herde ja danach nicht mehr viel. Durch die Auferstehung wird die Gabe des eigenen Lebens als gutes Hirtenhandeln erkennbar.
Jesus hat gelebt und gehandelt wie der göttliche Hirte aus Hesekiel 34. Er hat die Verlorenen gesucht und die Schwachen gestärkt. Er hat seine Menschen geführt und sie dem ewigen Ziel nähergebracht.
Dem ewigen Ziel, das darin besteht, ein gelingendes Leben zu haben und am Ende im
Einklang mit sich, mit allen anderen Menschen und vor allem mit Gott zu leben. Im Vertrauen auf Gott zu leben. Bis in alle Ewigkeit.
Jesus hat als guter Hirte gehandelt und ist von diesem Weg auch nicht abgewichen, als sie ihn dafür umgebracht haben. So sehr hat er sich für uns Menschen eingesetzt. So hat er deutlich gemacht, dass der tote Hirte der wirklich gute Hirte ist, weil er eine Hoffnung schenkt, die über den Tod hinausreicht.
Der gute Hirte, der sein Leben lässt für seine Schafe. Nein, nicht für Schafe, sondern für seine Freunde. Für alle Menschen.
Das habe ich jetzt sehr allgemein und theoretisch gesagt. Man kann es auch anders sagen: so behandelt Jesus oder Gott dich. Er ist der gute Hirte für dich. Er sucht dich – wenn du verloren bist.
Er verbindet dich, wenn du verletzt bist. Er weist dich zurecht, wenn du als der Stärkere oder Mächtigere schuldig wirst. Er gibt dir Orientierung. Er leitet dich auf deinem Lebensweg. Er hat sein Leben für dich gegeben. Und dadurch Dein Leben bis in alle Ewigkeit geheilt und ganz gemacht.
Das darfst du annehmen. An jedem Tag deines Lebens. Wo immer du gerade bist und in
welcher Situation.

Jesus, Gott ist der gute Hirte. Für dich.

Ich gehe einen Schritt weiter: Wie war oder ist das mit dem bezahlten Knecht? Der das für Geld macht. Was ist damit gemeint?
Natürlich läuft man als jemand, der etwas für Geld tut nicht gleich davon, wenn es gefährlich wird. Wer von Euch ist in einer Firma angestellt? Wer tut für Geld etwas für andere Menschen? Bietet eine bezahlte Dienstleistung an?
Natürlich sorgt man sich auch als jemand, der für Geld arbeitet, um das anvertraute Gut und um das, worum man sich kümmern muss. Aber vielleicht, so die Vorstellung im Text, nicht in der gleichen Intensität als wenn es einem tatsächlich gehört.
In Bezug auf das, was Jesus von uns will, wird deutlich, dass er uns nicht als bezahlte Knechte, als Dienstleister möchte. Er möchte uns als Miteigentümer verstehen. Als Mitverantwortliche. In der Bibel werden dafür auch noch andere Bilder verwendet. Z.B. das der Familie. Völlig klar: Eltern tun alles für ihre Kinder. Vielleicht tun sie manchmal zu viel. Aber fast alle Eltern nehmen auch persönliche Nachteile in Kauf, wenn es um ihre Kinder geht. Und sie sind zu Opfern bereit. Selbst wenn es um die eigene Gesundheit geht.
Und Jesus verwendet das Bild vom Freund. Für gute Freunde sind wir auch bereit, einiges aufzugeben, oder zumindest einzusetzen.
Was heißt es, wenn wir als Miteigentümer der Welt und / oder der Herde Gottes, als Jesu Freunde oder Brüder und Schwestern, mit denen er sich auf einer Ebene fühlt, im Leben unterwegs sind?
Das bedeutet, dass wir uns überlegen, wie man im Sinne des guten Hirten handelt? Zumindest ansatzweise.
Was also heißt es für uns, das Verlorene zu suchen, das Verirrte zurückzubringen, das Verwundete zu verbinden, das Schwache zu stärken und die Gesund und Starken in ihre Schranken zu weisen? So wie es recht ist.
Und plötzlich merken wir, dass das Auswirkungen hat, oder haben müsste, auf unser Reden und Handeln. Auf unsere Kritik an den Politikern. Auf unsere Verantwortung im Geschäftsleben. Auf unser Miteinander in der Familie oder in der Gemeinde oder Nachbarschaft.
Dann geht es nicht mehr so einfach, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Dann kann man nicht mehr einfach so schimpfen oder sich zurückziehen. Dann kann man vielleicht auch nicht mehr so einfach seinen Job machen und sich nicht um die Folgen kümmern.
Handeln so wie es recht ist. Nach Recht und Gesetz. Und die Schwachen und Schwächsten im Blick.
Wir sind Botschafter an Christi statt, sagt Paulus einmal. Oder, wenn an anderer Stelle vom Priestertum aller Gläubigen die Rede ist. Oder davon, dass wir uns die Erde untertan machen sollen.
Nicht kaputt. Untertan. Das heißt, wir sind für sie verantwortlich.
Wir stehen nicht über den Dingen, den Aufgaben oder den Menschen. Nein, wir sind ein Teil des Ganzen und sollen uns mitverantwortlich fühlen. Zumindest soweit es in unserer Macht und Verantwortung liegt.
Wir können uns nicht darauf zurückziehen, dass es die anderen, oder gar Gott selbst, irgendwie richten sollen. Das Leben und alles, was mit daran hängt, ist auch unser Ding. Als einzelne in unseren persönlichen Aufgaben, aber auch in der Kirche oder in unserer Gesellschaft. Auch bei Corona. Jede und jeder soll so handeln und damit umgehen, als wäre es seins. Als wären wir tatsächlich für unsere eigen Gesundheit und die unserer Mitmenschen verantwortlich. Was wir in Gottes Augen ja auch sind.
Und im Sinne eines guten Hirtenhandelns. Also das Verlorene suchen, das Verirrte zurückbringen, das Verwundete verbinden, das Schwache stärken und die Gesunden und Starken in ihre Schranken weisen. So wie es recht ist.
Das wäre ein gutes Leben, wenn uns das gelingt.
Jesus handelt an uns als der gute Hirte. Und wir tun es ihm nach. Wo immer wir können.
Gott segne uns dazu. Amen