Pilatus, Herodes – ahnungslos und verantwortlich

Pastor Markus Bauder, Predigt vom 7.3.2021 Friedenskirche

Pontius Pilatus und Herodes – es würde sich heute kein Mensch mehr für die beiden interessieren, wenn sie nicht plötzlich ins Rampenlicht der Weltgeschichte gerückt wären. Und das noch nicht mal als Hauptpersonen. Eher als Randfiguren. Zugegeben mit ziemlich viel Entscheidungsmacht, aber trotzdem eher Nebenrollen.

Wobei sie zu ihrer Zeit sicher Hauptpersonen ihrer Gesellschaft waren. Herodes Antipas, der Sohn von Herodes dem Großen, war der damalige Herrscher oder König von Galiläa. Also nicht von Judäa mit der Hauptstadt Jerusalem. Er hielt sich nur zufällig in Jerusalem auf.

Und Pontius Pilatus. Statthalter des römischen Kaisers Tiberius und zuständig für die Provinz Judäa. Er stand der Provinz immerhin 10 Jahre vor. Das ist eine vergleichsweise lange Zeit und spricht dafür, dass er über großes Durchsetzungsvermögen verfügte. Im Jahr 36 n.Chr. wurde er abgesetzt. Man warf ihm Bestechung vor, Raub, Hinrichtungen ohne juristisches Verfahren und extreme Grausamkeit.

Jesus war keine besondere Ausnahme für ihn. Die Überlegung, wie er mit Jesus umgehen sollte, gehörte für ihn zum Tagesgeschäft.

Vermutlich kann man annehmen, dass er in seinem Handeln sehr geschickt war, zumindest wenn es darum ging, seine Position zu halten oder zu verbessern. Der Pax Romana war er verpflichtet, dem römischen Frieden. Und sich selbst. Diesem dürfte er skrupellos alles untergeordnet haben. Pontius Pilatus.

Beide, Herodes und Pilatus wurden gegen ihren Willen in das Passionsgeschehen hineingezogen.

Pilatus, weil die Juden keine Todesurteile fällen und vollstrecken durften. Die Gerichtsbarkeit lag ausschließlich bei den Römern.

Der Vorwurf des Hohe Rat, dass Jesus sich „König der Juden“ nannte, sollte Pilatus überzeugen, dass Jesus den römischen Frieden gefährdete und deshalb wegen Hochverrats die Todesstrafe erhalten muss.

Man spürt es durch die ganze Passage, dass Pilatus das nicht besonders ernst nimmt. Er glaubt es eigentlich nicht. Ein angeblicher König muss den Thron erobern, er braucht eine schlagkräftige Truppe. Der Vorwurf wirkt eher bemüht, fast lächerlich. Pilatus versteht die Hysterie des Hohen Rates nicht, will diese Leute aber natürlich auch nicht vor den Kopf stoßen. Und obwohl wir wissen, dass Pilatus kein Problem damit hatte, auch völlig willkürliche Todesurteile vollstrecken zu lassen, wirkt er hier eher unwillig. Er will damit eigentlich nichts zu tun haben. Er hält Jesus für unschuldig.

Deshalb kommt Herodes, der sich gerade in Jerusalem aufhält gerade recht. Jesus kommt doch aus Galiläa, aus Nazareth – das ist nicht Judäa. Damit ist Herodes zuständig.

Auch Herodes kennt keine Skrupel, wenn es um das Vollstrecken von Todesurteilen geht. Es wird erzählt, dass Johannes der Täufer Herodes wegen seines doppelten Ehebruchs kritisierte, der auch historisch belegt ist. Johannes wurde dafür ins Gefängnis geworfen und später auf den Wunsch von Herodes‘ neuer Frau geköpft.

Aber auch Herodes will damit nichts zu tun haben. Er findet Jesus eher langweilig, weil er keine Wunder vollführt, treibt ein wenig Spott mit ihm und schickt ihn zu Pilatus zurück.

Der Hohe Rat, die jüdische Obrigkeit will Jesu Tod, aber die weltliche Macht will nicht so recht.

Nicht, weil sie ein Problem mit der Todesstrafe hätten. Sie halten Jesus für unschuldig. Und sie sind nüchtern kalkulierende Machtpolitiker. Was nützt mir? Wie muss ich es anstellen, gut aus der Sache rauszukommen? Wie entscheidet man hier, so dass die Gemüter beruhigt sind und der römische Friede gewahrt bleibt.

Ein paar Gedanken zu diesen beiden Akteuren in der Passionsgeschichte:

1. Gott handelt in der ganz profanen Geschichte.

Herodes und Pilatus denken natürlich mitnichten an einen Heilsplan Gottes. Sie denken keine Sekunde darüber nach, was Gott von ihnen wollen könnte. Und klar wird ja auch erst in der Rückschau, wie ihr Handeln die Weltgeschichte beeinflusst hat.

Manchmal stelle ich mir ja komische Fragen, wie die, was passiert wäre, wenn Pilatus tatsächlich Barrabas gekreuzigt und Jesus freigelassen hätte. Pilatus hat ja weder mit dem einen, noch dem anderen wirklich ein Problem gehabt. Das war einfach nur Tagesgeschäft.

Am Ende lässt Pilatus Jesus kreuzigen. Und damit wird das, was wir das Erlösungswerk Gottes nennen, erst möglich. Jesus geht den Weg in den Tod. Den Tod, den Pilatus beschließt.

Trotzdem ist Pilatus keine Marionette Gottes. Er muss nicht tun, was Gott will. Und es ist auch nicht so, dass Gott dem Pilatus gesagt hätte, was er zu tun hat. Er tut, was er tut. Gott wusste, dass es so kommen wird.

Gott handelt in unserer Welt und Zeit. Aber nicht auf die Weise, dass wir ihn nun für die Grausamkeit oder Gleichgültigkeit des Pilatus verantwortlich machen könnten, sondern so, dass in manchen Taten und Abläufen das Wesen Gottes sichtbar wird. Sein Wille zur Versöhnung oder zur Gerechtigkeit. Seine unbedingte Liebe, die letztlich nicht mal vor dem Tod zurückschreckt…

Gott will nicht einfach alles – das Böse oder Grausame oder auch das Gute. Gott bleibt sich treu als der dem Leben zugewandte, als der, der die Erlösung und das Heil von uns Menschen will. Diese Wege geht er in der Zeit und Geschichte.

Auf diese Weise handelt Gott auch in unserem Leben, in unserer Zeit und Geschichte.

Auf diese Weise bleiben wir verantwortlich für unser Handeln und trotzdem wird da und dort Gottes Weg in unserer Geschichte erkennbar.

2. Pilatus macht einiges richtig. Er fragt nach und bildet sich sein eigenes Urteil. Wie oft habe ich schon festgestellt, dass es gut gewesen wäre, selbst nachzuschauen, ob sich eine Sache tatsächlich so verhält. Was hat man nicht schon alles mit Bibelstellen begründet – selbst nachlesen hilft. Selbst nachdenken hilft.

Was hat man mir nicht schon alles über andere Menschen erzählt. Vor allem das nicht so angenehme. Gut, wenn man sich die Mühe macht, sich ein eigens Urteil zu bilden und selbst nachzufragen.

Wie viele Leute glauben heute irgendwelchen Gerüchten, die sie in WhatsApp-Gruppen teilen. Man sollte sich die Mühe machen, den Dingen selbständig auf den Grund zu gehen. Vor allem, wenn es um wichtige Entscheidungen geht. Wenn es um andere Menschen geht. Wenn es um Gerüchte geht. Gar wenn es um die Entscheidung auf Leben und Tod geht. Pilatus fragt selbst bei Jesus nach und befragt ihn. Mehrmals. Und er kommt wie auch Herodes zu dem Schluss: Jesus ist unschuldig und der Todesstrafe nicht würdig. Und – auch wenn dieses „seine Hände in Unschuld waschen“ sprichwörtlich für eine wachsweiche Haltung steht, Pilatus hat erstmal das richtige erkannt.

3. Hätte Pilatus doch genug Rückgrat gehabt und entsprechend seiner sachlichen Meinung entschieden. Aber offensichtlich war da noch etwas anderes.

Das ist eine seltsame Geschichte, die wir immer wieder beobachten können. Auch an uns selbst. Es gibt das, was man eine hidden agenda nennt, eine verborgene Tagesordnung. Etwas, das nicht alle sehen. Das im Hintergrund abläuft. Alle denken, dass die Entscheidung doch klar ist, da nimmt die Geschichte plötzlich eine andere Wendung.

Das denke ich gerade öfter, wenn ich die politischen Entscheidungen in der Coronapandemie anschaue. Warum nochmal hat die EU zu wenig Impfstoff? Wieso werden jetzt die Buchläden geöffnet, die Klamottenläden aber nicht?

Immer wenn wir sagen, dass man auch den „Gesamtzusammenhang“ ansehen muss, oder es plötzlich interessante „Sachzwänge“ gibt. Oder warum wir ausgerechnet heute und in dieser Situation nicht so entschieden oder gehandelt haben, wie es richtig gewesen wäre. Haben doch wieder Billigfleisch gekauft oder einen Flug gebucht oder haben einen anderen irgendwo reinlaufen lassen. Es ging ja nicht auf unsere Kosten, sondern auf die von jemand anderen.

Vielleicht hat Pilatus auf diese Weise einen Gefallen gewährt, den er an anderer Stelle wieder einfordern konnte. Wir wissen es nicht.

Ich würde mir wünschen, dass ich und wir möglichst gut und richtig entscheiden und handeln. Und ich wünsche mir, dass verborgene Motive offengelegt werden können. Was in dieser Geschichte ja auch geschieht. Pilatus plädiert auf unschuldig, kommt damit aber nicht durch, weil das Geschrei und der Druck des Hohen Rates nicht aufhören. Sie wollen den Tod Jesu.

„Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Jesus ist der Meinung, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten, der Hohe Rat nicht wussten, was sie da taten. Wahrscheinlich waren sie sich keiner Schuld bewusst und dachten, sie täten etwas Gutes. Womöglich sogar noch im Sinne Gottes.

Jesus ist der Meinung, dass Herodes und Pilatus nicht wussten, was sie da taten. Da hat er sicher recht. Die Entscheidungen der Beiden hatten täglich Menschenleben gekostet und viel Leid verursacht. Wahrscheinlich waren sie trotzdem der Meinung, dass sie sich bemühten, es so gut wie möglich zu machen. Keiner will ja absichtlich böse oder dumm sein.

Und – ich mache einen großen Sprung – vermutlich hat Jesus nicht nur die Menschen damals gemeint, sondern alle Menschen, auch uns. Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Wir geben uns doch wirklich Mühe. Wir bilden uns. Wir versuchen nicht einseitig zu sein. Wir kaufen den richtigen Kaffee, sind demokratisch, tragen Maske und spenden unseren Zehnten.

Hhmm, ich kann mir gut vorstellen, dass Jesus irgendwo sitzt und jetzt gerade in diesem Moment sagt: O Markus, wenn Du wüsstest… Zum Glück ist dir vergeben…

Herodes, Pilatus – sie sind mir und uns näher als ich geahnt hätte.

Herr erbarme dich…

Stille – Gebet

Lied: GB 280,1-3 (Ich möchte es gerne glauben, dass mich einer wirklich liebt)

Fürbittengebet

Hilf uns, Gott des Lebens.
Hilf uns in dieser Zeit mit deiner Güte, mit deiner Gerechtigkeit, mit deiner Wahrheit.

Hilf denen, die an deiner Güte zweifeln, die fragen, wo du bleibst, die sich vor der Zukunft fürchten, die sich aufreiben und nur Finsternis sehen.
Hilf du und antworte ihrer Not.

Hilf denen, die nach Gerechtigkeit schreien, die hungern, die sterben, die von allen verlassen sind.
Hilf du und sorge für ein gerechtes Leben.

Hilf denen, die um die Wahrheit ringen, die sich der Lüge verweigern, die dich suchen, die dir vertrauen und Jesus nachfolgen.
Hilf du deiner Gemeinde – hier und in aller Welt.

Diese Zeit braucht Menschen, die aus deiner Güte leben.
Diese Zeit braucht Menschen, die die Gerechtigkeit lieben.
Diese Zeit braucht Menschen, die die Wahrheit bezeugen.
Mache du uns zu solchen Menschen durch Jesus Christus, deinen Sohn und unseren Bruder und Erlöser.
Ihm vertrauen wir uns an – heute und alle Tage.

Höre uns, wenn wir weiterbeten mit den Worten, die Du Deine Nachfolgerinnen und Nachfolger zu beten gelehrt hast:

A Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.