Mit Gottvertrauen leben

Predigt zu Römer 14,7-9

Von Pastor Markus Bauder
Friedenskirche 22.11.2020 (Ewigkeitssonntag)

Gerade haben wir unserer verstorbenen Geschwister gedacht. Es waren viele Namen, die wir genannt haben….

Wir haben an die Menschen gedacht. Uns ist vielleicht auch jemand besonders präsent. Jemand, den wir geliebt haben. Der besonders wichtig für uns war… Und es tut besonders weh, dass wir loslassen mussten…

Ein Tag, eine Situation um über die wirklich großen Fragen des Lebens nachzudenken: Leben – wo kommen wir her … Und Sterben, wo gehen wir hin …

Das Leben haben wir uns nicht genommen. Wir haben es geschenkt bekommen. Keiner von uns wurde anfangs gefragt, ob er leben will. Es war einfach so. Wir haben es. Es ist ein Geschenk, eine Gabe.

Und, auch wenn wir den Tod und das Sterben heute viel weiter hinausschieben und das Leben verlängern können, letztlich endet unser irdisches Leben auf jeden Fall. Auch wenn wir es nicht wollen. Wir können es uns nicht aussuchen. Jeder von uns bekommt den Tod. Ich will das mal so in den Raum stellen, dass man sagen kann, dass letztlich auch der Tod eine Gabe ist, die uns gegeben wird. Von außen. Auch wenn wir sie nicht wollen.

Leben und Sterben – eine Gabe?

Beides ist unserem Zugriff entzogen. Wir können vielleicht den Zeitpunkt bestimmen. Wann wir leben wollen oder eben nicht mehr. Und das wie. Wie soll unser Leben und Sterben sein oder werden? Aber nicht die grundsätzliche Frage ob überhaupt…

Leben und Sterben kommen von außen. Man könnte sie also durchaus als Gabe verstehen. Die großen Themen und Fragen des Lebens.

Paulus drückt es im Römerbrief so aus:

Niemand von uns lebt für sich selbst und niemand stirbt für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod. Denn Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden, um Herr zu sein über alle, Tote wie Lebende.

Wiederholen

Leben und Sterben, die großen Gaben sind Gaben Gottes. Was die Sache nicht unbedingt einfacher macht.

Wenn Leben und Sterben Schicksal oder Zufall sind, muss ich mir unter Umständen weniger oder andere Gedanken machen als wenn ich sage, dass es einen Willen Gottes gibt, der über die Gaben Leben und Sterben verfügt. Gott, der Leben gibt und Sterben gibt…

Wenn es um die Gabe des Lebens geht, geht uns das in der Regel leicht von den Lippen. Kinder sind eine Gabe Gottes. Wenn ein Mensch zur Welt kommt, sind wir schnell bei der Hand und rühmen Gott als den Geber des Lebens, den Schöpfer und Erhalter. Wir preisen die Schönheit des Lebens.

Und die Jugend. Alles frisch und neu. Die Haut straff. Volle Kraft voraus.

Das Leben kommt von Gott. Nimm es, gestalte es…

Und jetzt? Im Herbst? Im Winter? Die Dunkelheit. Der Frost. Die Nässe und Kälte. Die fallenden Blätter. Das Ersterben der Natur.

Das Alter. Die Falten. Die zurückgehende Beweglichkeit und Fitness. Die schlechter werdenden Augen und Ohren.

Das kommt jetzt nicht von Gott?

Oder doch?

Eventuell auch eine Gabe?

Die Gabe des Alterns? Die Gabe der Falten? Die Gabe der Hilfsbedürftigkeit? Die Gabe des Mangels? Krankheit oder Sterben eine Gabe?

Manche von Euch kennen das Tischgebet: Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, o Gott, von dir. Wir danken dir dafür.

Wir beten es täglich bei fast jeder Mahlzeit. Aber wir haben seit vielen Jahren das Wort „gut“ aus diesem Gebet gestrichen: Alle Gaben, alles, was wir haben, kommt, o Gott, von dir. Wir danken dir dafür.

Für die guten Gaben kann jeder danken. Für die Schönheit, den Wohlstand, die Jugend.

Aber für die anderen Gaben?

Die für uns eine Zumutung sind. Eine endlose, nicht enden wollende Herausforderung.

Fast jedes Mal, wenn ich dieses Tischgebet höre oder spreche, spüre ich blitzlichtartig diese Zumutung und Frage: alle Gaben? Wirklich alle Gaben? Auch die, die ich nicht will, kommen von dir? Wir danken dir dafür. Danke ich wirklich? Will ich das überhaupt?

Ich empfinde es fast täglich als eine Herausforderung. Und als eine Frage.

Aber sie gehört zum Leben. Und zum Glauben.

Natürlich auch zum Glauben. Es ist eine Frage nach unserem Bild von Gott.

Manche haben ja eine sehr einfache Vorstellung von Gott: Gott ist schlicht für das Gute und Schöne zuständig. Alles andere ist nicht Gott.

Vielleicht der Teufel? Vielleicht der Sündenfall? Der Mensch ist so? Oder wie auch immer…

Bei Jesaja heißt es an einer Stelle: Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut.

Oder: wenn der Herr die Stadt nicht bewacht, wachen die Wächter umsonst.

In jungen Jahren hat ein Freund aus dem Jugendkreis diesen Satz gelesen und dann sein Fahrrad nicht mehr abgeschlossen…. Welches dann prompt geklaut wurde…

So einfach ist es also nicht. Weiß – schwarz; gut – böse; schuldig – unschuldig; gute Gabe – schlechte Gabe; Leben – Sterben; Täter – Opfer; Gott – Mensch.

Das ist eine Zumutung. Und es gibt keine einfachen Antworten oder Lösungen.

Daran kann man verzweifeln, verbittern oder aufgeben.

Aber man muss es nicht.

Niemand von uns lebt für sich selbst und niemand stirbt für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod. Denn Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden, um Herr zu sein über alle, Tote wie Lebende.

Was ist besser? Wenn es Schicksal ist oder wenn es ein Gegenüber gibt, das dafür die Verantwortung übernimmt. Selbst wenn ich es nicht verstehe oder tragen kann…

Wenn Leben und Sterben Schicksal sind und es niemanden gibt, der dafür Verantwortung übernimmt, dann sind wir völlig auf uns geworfen. Dann sind wir letzten Endes verloren.

Dann können wir es vielleicht so gut wie möglich machen, aber es dankt uns niemand. Dann kann ich mir für meine Ehrlichkeit nichts kaufen oder für meine Fairness.

Und ob ich über den Tod eines geliebten Menschen trauere, ist dann, wenn überhaupt, nur für mich selbst von Bedeutung. Aufs Ganze gesehen, ist es nicht wichtig. Denn Leben und Sterben sind Schicksal, sind Zufall.

Wenn es Gott ist, der Leben gibt und nimmt, dann ändert sich etwas. Dann habe ich ein Gegenüber. Das ich verantwortlich machen kann. Mit dem ich hadern kann oder schimpfen. Der meine Verzweiflung hört. Der sie auch versteht.

Wenn wir in die Bibel schauen, dann sehen wir auch, dass die Menschen, die dort zu Wort kommen, es oft genau so sehen: Im Alten Testament ist es nahezu ausschließlich Gott der handelt. Alles kommt von ihm. Manchmal verstehen es die Menschen als Strafe oder Gericht. Manchmal, wie bei Hiob, wird deutlich, dass man vieles auch nicht erklären kann und im Grunde ein Geheimnis Gottes ist.

Im Neuen Testament fragen die Menschen auch, wo denn die schwierigen Themen des Lebens herkommen: Krankheit, Armut, Ungerechtigkeit, Tod – und Jesus sagt nicht nur einmal, dass in solchen Situationen die Herrlichkeit Gottes sichtbar werden kann und soll. Auch darin, wie die Menschen mit solchen Situationen umgehen und handeln.

Wenn dieser Gott der Gott der Bibel ist, dann höre ich sogar von einem Gott, dem die Menschen nicht egal sind. Dort wird sogar von einer Hauptmotivation Gottes gesprochen, aus der heraus Gott alles tut: er liebt die Menschen. Sein Handeln ist nicht gegen uns gerichtet, sondern für uns. Sein Handeln soll uns helfen, mit dem Leben und dem Sterben und allem, was dazwischen ist, klarzukommen.

Gott geht in der Bibel ja sogar noch weiter. In Jesus Christus hat er Leben und Sterben auf sich genommen. Und in diesem Jesus Christus ist alles Leben und alles Sterben aufgenommen. Also auch unser eigenes Leben und Sterben. Und das unserer Lieben. Und alles, was dazwischen ist.

Unser Leben ist in Gott geborgen. Und unser Sterben. Unser Tod.

Das soll uns Halt geben. Und Trost. Soll uns helfen, mit der Zumutung des Lebens und des Todes klar zu kommen. Es soll uns helfen, einen Bezugsrahmen zu haben, der über das Leben dieser Erde hinausreicht. Ein Ankerpunkt, der eben nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist.

Und deshalb reicht auch dieser Halt über den irdischen Tod hinaus. Gott ist ewig. Und deshalb ist unser Leben in Gott auch über den irdischen Tod hinaus geborgen. Bis in alle Ewigkeit. Wie auch immer sich das gestaltet und anfühlt.

Das kann ich glauben. Und mich daran festhalten und darauf vertrauen.

So verrückt das vielleicht auch klingt…

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Niemand von uns lebt für sich selbst und niemand stirbt für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod. Denn Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden, um Herr zu sein über alle, Tote wie Lebende.

Wo kommt unser Leben her? Wo geht unser Leben nach dem Tod hin?

Ich habe uns heute den Gedanken mitgebracht, dass nicht nur das Leben eine Gabe Gottes ist, sondern auch unser Sterben, unser Tod.

Eine Zumutung zwar, aber letztlich ist beides von Gott.

Und unser Leben ist im Leben und im Sterben letztlich bei Gott geborgen. Unsere Lieben sind es, an die wir heute im Besonderen gedacht haben. Und wir selbst sind es. Bis in alle Ewigkeit.

Amen