Jahreslosung 2021

Text/Thema: Lukas 6,36 Jahreslosung 2021

Predigt vom 17.1.2021 HK [Markus Bauder]

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist…

Hast Du, haben Sie mal darüber nachgedacht, ob Sie gerne als barmherzig bezeichnet werden würden? Ja, der Markus, der Erich, der Paul oder der Klaus, der ist …. barmherzig. Die Katharina, die Ulrike, die Sabine, die Uta oder Gudrun – ja, wenn ihr mich so fragt – die ist wirklich barmherzig.

Ich hab ne Weile überlegt. Fände ich das gut, wenn mich die Leute als barmherzig bezeichnen würden? Und die Antwort lautet: nein, eher nicht….

Es klingt so … nachgiebig … vielleicht sogar ein bisschen schwach… so als ob man keine Prinzipien hätte.

Wahrscheinlich liegt‘s am „Herz“, hab ich gedacht. Am „Herz“, das in „barmherzig“ angelegt ist und am „Erbarmen“. Beide Worte bilden das deutsche Wort „barmherzig“. Und dass man solche Eigenschaften wie Herz und Erbarmen vielleicht eher mit Müttern in Verbindung bringt als mit Vätern.

Aber ich weiß nicht. Ihr Männer, ihr Frauen, geltet Ihr gerne als „barmherzig“?

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Dabei bezeichnen alle großen Religionen Gott als „den Barmherzigen“. Barmherzigkeit ist geradezu eine herausragende Eigenschaft Gottes.

Vor allem natürlich im Juden- und Christentum. Aber auch im Islam. Gott ist barmherzig. Gott ist „der Barmherzige“.

Weil, und das scheint in allen Religionen ein Hauptargument zu sein, weil Gott den Menschen leben lässt. Obwohl er es nicht verdient hat.

Der Mensch ist nicht gut genug. Er kann den gesetzten Maßstäben nicht entsprechen. Er ist – bei aller Liebe – nicht gut. Oder gut genug. Er geht z.B. nicht gut mit sich um. Das Böse, das ich nicht will, tue ich. Das Gute, das ich will, tue ich nicht. Der Mensch betreibt Raubbau an sich selbst. Er geht auch nicht gut mit seinesgleichen um. Nicht mal mit den Menschen, denen er wohlgesonnen ist. Dass er es nicht schafft mit Fremden oder gar Feinden gut umzugehen, wäre ja noch verständlich. Aber er schafft es auch nicht in der Familie. Mit dem Partner, den Kindern, den Verwandten gut umzugehen. Auch Freunde enttäuschen sich. Oder in der Nachbarschaft oder der unmittelbaren Volksgemeinschaft. Immer wieder verletzten wir Regeln und Gebote für unser Zusammenleben. Manchmal absichtlich, manchmal unabsichtlich.

Der Mensch schafft es einfach nicht. Nicht mal, wenn er ausgeschlafen und fit ist.

Dabei wäre es wichtig, denn Gott will, dass wir gut sind. Gott, der den Menschen geschaffen hat, ihm Mitmenschen gegeben hat und einen Lebensraum. Dieser Gott erwartet, dass der Mensch, dass wir Menschen, mit den Dingen, die uns anvertraut sind, gut umgehen. Auf diese Weise würden wir auch Gott ehren, der uns geschaffen hat. Und deshalb sagen es die meisten Religionen, besonders aber das Juden- und Christentum: Der Mensch könnte nicht leben, wenn Gott ihn nicht leben lassen würde. Er verdient es nicht… Aber Gott lässt ihn trotzdem leben: Das ist Barmherzigkeit.

Deshalb sollen auch wir barmherzig sein. Sollen Gnade vor Recht gewähren. Sollen Größe zeigen. Und eben barmherzig sein.

Dabei ist unverkennbar, dass Barmherzigkeit zunächst nicht auf Augenhöhe geschieht. Sie geschieht in der Regel von oben nach unten. Von Gott zum Menschen, vom Richter zum Verurteilten, vom Reichen zum Armen, vom Starken zum Schwachen. Aber, indem sie geschieht, begibt sich derjenige, der Barmherzigkeit gewährt, auf die Ebene dessen, der Barmherzigkeit empfängt. Er steigt herab, begibt sich auf Augenhöhe.

Natürlich kann man die Werke der Barmherzigkeit – der alten Tradition nach gibt es sieben sogenannte Werke der Barmherzigkeit – auch von oben nach unten tun: „Hungrige speisen“, „Durstigen zu trinken geben“, „Fremde beherbergen“, „Nackte kleiden“, „Kranke pflegen“, „Gefangene besuchen“, „Tote bestatten“ oder andere gute Werke.

Aber jede und jeder, der diese Dinge schon mal getan hat, hat schnell gemerkt:

Man kann sie gar nicht wirklich tun, wenn man sich nicht auf Augenhöhe begibt. Wenigstens ansatzweise.

Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. Da muss man seine Wohnung, seine Küche, seinen Kleiderschrank öffnen, sich zu einem anderen begeben. Bei ihm sein in seinen existentiellen Nöten. Wie könnte man das tun, ernsthaft tun, ohne auf Augenhöhe zu sein…?

Dabei sind die Erfahrungen, die viele dabei machen, unbestreitbar: Wenn man solche Werke der Barmherzigkeit tut, erfüllen sie einen mit Freude. Sie schaffen ein Gefühl großer Zufriedenheit, von Glück. Es tut gut, gut zu sein und zu handeln.

Manche sagen sogar, erst indem wir barmherzig handeln, werden wir im Grunde zu echten Menschen. Was auf eine seltsame Weise den Kreis schließen würde.

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Wenn also Gott barmherzig ist und der Mensch ist es auch – wird er zum Bilde Gottes. Also zu dem, als den ER ihn erschuf…

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Werdet zu den Menschen, die Gott sich gedacht hat als er den Menschen geschaffen hat. Dich und dich und dich und mich.

Ich lade mich also ein, barmherzig zu sein. Und Dich lade ich auch ein.

Sei barmherzig, denn uns allen ist göttliche Barmherzigkeit widerfahren.

Wir haben in den vergangenen Monaten durchaus Barmherzigkeit erlebt. Oder erlebt, dass es gut wäre, wenn es sie gäbe…

Weihnachten als das Fest der göttlichen Barmherzigkeit ist noch gut in unserer Erinnerung. Wir feierten die Geburt des Heilands der Welt. Weil wir es nicht hinkriegen, hat Gott entschieden, selbst hierher zu kommen. Barmherzig wie er ist, wollte und will er uns in diesem Jesus Christus zeigen, dass er es gut mit uns meint. Trotz allem. Hat sich in seiner Barmherzigkeit auf Augenhöhe zu uns begeben.

Und im vergangenen Corona-Jahr haben wir vielleicht erlebt, wie gut es tut, wenn wir Menschen miteinander barmherzig umgehen. Haben erlebt, dass Menschen uns nähergekommen sind, obwohl wir Abstand gehalten und Maske getragen haben. Wir sind auf viele Menschen gestoßen, die sich ernstlich bemüht haben, dass wir alle es einigermaßen gut durch die Krise schaffen. Vieles war irgendwie ungewohnt, alle mussten mehr oder weniger improvisieren – da verschwindet das Oben und Unten. Alle helfen zusammen, dass es irgendwie klappt und möglichst alle mitkommen.

Oder wir haben gesehen, dass es gut wäre, wenn es so wäre. Wir haben gesehen, dass egoistische, unfreundliche und unbarmherzige Menschen in unserer Umgebung eben keine Wohltat sind. Man will tatsächlich möglichst viel Abstand zu ihnen haben. Es tut nicht gut, mit ihnen zusammen zu sein.

So gesehen möchte ich, dass Barmherzig-sein das Normale ist. Und nichts, wozu man uns extra auffordern muss. Wir gehen möglichst gut und nachsichtig miteinander um. Das tut den anderen gut. Und uns selbst.

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Irgendwie bin ich trotzdem nicht sicher, dass es funktioniert. Ich wusste ja zum Beginn meiner Predigt selbst nicht, ob ich wirklich barmherzig sein will.

„Die Zivilisation ist immer nur drei Mahlzeiten von der Anarchie, vom Chaos entfernt“. Das Buch „Der Wal und das Ende der Welt“ erzählt, wie sich eine Grippepandemie auf die Welt auswirkt. Die Hauptperson Joe Haak ist davon überzeugt, dass die Welt untergehen wird, weil sich in der Katastrophe jeder immer selbst der Nächste ist. Jeder gegen jeden, Solidarität und Barmherzigkeit bleiben als erstes auf der Strecke. Der Egoismus siegt. Das passiert aber nicht, weil ganz viele Menschen plötzlich solidarisch sind. Und alles miteinander teilen. Sie sind füreinander da. Es geschieht tatsächlich Barmherzigkeit.

Sehr lesenswert. Man glaubt nicht, dass das Buch bereits seit 2015 auf dem Markt ist.

„Erst das Fressen, dann die Moral“ heißt es in der Dreigroschenopfer von Berthold Precht.

Es scheint mir so zu sein, dass man das Gefühl hat, dass man das vorher nicht weiß, ob Barmherzigkeit tatsächlich da ist oder entsteht. Man kann sich immer auch vorstellen, dass es anders, schlimm ausgeht.

Aber irgendwie ist sie dann doch da. Und Menschen sind nett zueinander. Verhalten sich barmherzig. Auch jetzt in der Pandemie. Menschen bestellen Essen in Lokalen, dass diese überleben. Familien helfen einander. Niemand reagiert garstig, wenn jemand um Hilfe bittet oder Hilfe braucht.

Und trotzdem hat man das Gefühl, dass es nicht selbstverständlich ist. Dass wir diesen Appell immer wieder brauchen. Dass wir immer in der Gefahr stehen, unsolidarisch und egoistisch zu sein.

Ein alter Indianer sitzt mit seinem Sohn am Lagerfeuer und spricht: „Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen 2 Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Sein Wesen ist Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist gut. Sein Wesen ist Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Barmherzigkeit, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.”

Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“ Der alte Indianer schweigt eine Weile. Dann sagt er: „Der, den du fütterst.“

Der, den du fütterst. Die Zivilisation ist nie mehr als drei Mahlzeiten von der Anarchie entfernt…

Es ist mir, als ob ich mir da manchmal selbst nicht traue. Wie reagiere ich, wenn es tatsächlich darum geht?

Wenn der Samariter in mir tatsächlich gefragt ist. Wenn der Bettler vor mir steht, bzw. ich an ihm in der Fußgängerzone vorbeilaufe. Wenn mich jemand tatsächlich um Hilfe bittet.

Vielleicht als Futter für den guten Wolf in dir noch folgende Geschichte:

Ein furchtbarer Sturm kommt auf. Der Orkan tobt. Das Meer ist aufgewühlt und meterhohe Wellen brechen sich ohrenbetäubend laut am Strand. Als der Himmel aufklart liegen tausende Seesterne am Strand, die die Wellen angespült haben.

Ein kleines Mädchen läuft am Strand entlang, nimmt behutsam Seestern für Seestern in die Hand und wirft sie zurück ins Meer.

Da kommt ein Mann vorbei. Er geht zu dem Mädchen und sagt: „Du dummes Mädchen! Was du da machst, ist vollkommen sinnlos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voll von Seesternen ist? Die kannst du nie alle zurück ins Meer werfen! Was du da tust, ändert nicht das Geringste!“

Das Mädchen schaut den Mann einen Moment lang an. Dann geht es zu dem nächsten Seestern, hebt ihn behutsam auf und wirft ihn ins Meer. „Für diesen einen ändert sich was.“

Für diesen einen ändert sich was.

Jesus scheint die Gefahr auch zu sehen, dass wir Menschen einen starken Appell brauchen: „… wie auch euer Vater barmherzig ist“. Denkt an Gott den Vater!!

Der Rückgriff auf den Vater im Himmel hilft mir. Füttert ebenfalls den guten Wolf in mir. Gottes Barmherzigkeit kann ich sehen, erkennen und erleben.

Sie ist mir eine „Anleitungshilfe“, auf welch unterschiedliche Weise ich barmherzig sein kann. Es ist tatsächlich spannend und lohnt sich, was man in der Bibel alles finden kann. In den Psalmen, bei den Propheten und natürlich im Neuen Testament, bei Jesus und seinen Aposteln. Sehr, sehr viele Beispiele der Barmherzigkeit. Der Barmherzigkeit Gottes, der Barmherzigkeit Jesu und der Menschen, die im Sinne Gottes handeln wollen. Aber das überlasse ich Euch selbst, das genau herauszufinden und nachzulesen. Ihr habt ja jetzt ein Jahr Zeit, Euch mit Barmherzigkeit zu beschäftigen. Darüber nachzudenken, Euch darin zu üben. Oder weiter zu üben – im barmherzig sein. Wir beginnen da ja nicht bei null.

Möge es Euch und mir immer wieder gelingen. Gott segne uns dazu

Amen