Ich will euch Ruhe schenken für eure Seelen

Predigt Pastor Markus Bauder, gehalten 2.5.21 S-HK (Livestream)

Text/Thema: Mt 11,28-30 (Basisbibel)

Ich wende mich heute an alle, die sich abmühen und belastet sind. Die müde oder wütend sind, erschöpft von der Pandemie und dem ständigen überlegen, was man jetzt darf und was nicht. Die keine Lust mehr haben auf Homeoffice und Homeschooling.

Ich wende mich heute an alle, die sich seit Jahren in ihrem Beruf abmühen. Stress, Termindruck, Eile. Die ihr Leben da hineinstecken und sich vielleicht manchmal fragen – lohnt sich das alles?

Vielleicht haben Sie auch Ihre innere Sicherheit verloren. Corona ist ja insgesamt und aufs ganze Leben gesehen, eine ziemlich große Verunsicherung. Das Gefühl für richtig und falsch ist weg. Alles ist anders, alles verändert sich und man findet sich in diesen veränderten Wirklichkeiten einfach nicht so zurecht wie früher.

Vielleicht sind Sie auch geplagt von Krankheit oder Einschränkungen. Nichts ist mehr einfach. Alles braucht mehr Zeit.

Mühselig und beladen durch den Verlust eines Menschen oder der Arbeit.

Belastet vielleicht auch durch eine Schuldenlast. Vielleicht noch nicht mal in einem finanziellen Sinn. Vielleicht die Last eines schlechten Gewissens.

Die Müden und Beladenen hat auch Jesus Christus im Blick gehabt. Die Gestressten und Dünnhäutigen. Ihnen sagte er einmal (Mt 11,28-30 Basis):

28 »Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken.

29 Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe. Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Dann werden eure Seelen Ruhe finden.

30 Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.«

Ich will euch Ruhe schenken… Eure Seele soll Ruhe finden… Was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last…

Darum soll es mir heute gehen.

Zwei kurze Vorbemerkungen:

Einem Trend unserer Zeit möchte ich hier gleich widersprechen: es wird nicht von alleine gehen. Dass wir Ruhe finden, wird uns nicht einfach übergestülpt.

Allerdingst ist es manchmal eine Art Begleiterscheinung. Einer Krankheit zum Beispiel. Oder einer anderen, man könnte sagen, verordneten Pause. Aber selbst dann muss ich es zulassen und annehmen. ————-

Und ich vermute, dass nicht alle wissen, was ein Joch ist. Ein Joch Ochsen waren früher zwei Ochsen, die über ein Geschirr miteinander verbunden waren. Zum Ziehen eines Pflugs oder eines Wagens. Ein Joch für Menschen war oder ist eine Tragestange auf der Schulter, wo man rechts und links etwas anhängen kann. Eimer mit Wasser zum Beispiel. Ein Joch ist also etwas, das auf der Schulter liegt und mit dem man etwas Schweres tragen kann. Eine Last.

Als Joch werden in unserem Text die Regeln, Gesetze und Gebote verstanden, die die Menschen einhalten müssen, wenn sie in den Himmel kommen wollen, bzw. ein Gott wohlgefälliges Leben führen wollen. Und das waren im Judentum eine Menge Regeln, Gesetze und Gebote.

Jesus sagt hier, dass sein Joch leicht sei, eigentlich kaum der Rede wert… Dazu nachher mehr…

Zunächst stelle ich die Frage, zu der Sie alle, denke ich, etwas sagen können: was schenkt unserer Seele Ruhe? Ganz konkret. Was hilft uns, Ruhe und Kraft zu finden…?

Vielleicht fallen Ihnen ja ähnliche Dinge ein wie mir:

Wir haben seit unserem Umzug einen kleinen Garten direkt am Haus:

Jetzt gerade, im Frühling, den Pflanzen beim Wachsen zuschauen schenkt meiner Seele Ruhe. Sie sagen vielleicht, das sieht man ja gar keine Veränderung. Doch. Jeden Tag kann ich da hinschauen und bin immer wieder fasziniert. Meine Seele kommt zur Ruhe.

Überhaupt die Schöpfung Gottes. Jetzt im Wald, oder auf den Wiesen. Wenn man sich die Zeit nimmt, genau hinschaut, das lässt unsere Seele zur Ruhe kommen.

Reinhold Messner, der Bergsteiger, hat mal gesagt: gehen ist ein meditativer Vorgang. Wandern lässt einen zur Ruhe kommen. Womöglich noch mit jemand anderem. Sich stetig ohne Hast in eine Richtung bewegen.

Oben auf einem Berg stehen und in die Ferne sehen. Es ist seltsam, aber das lässt einen runterkommen. Die Weite, das Sichtfeld. Vielleicht rückt das unsere aufgeheizte Seele auf beruhigende Weise zurecht – die Welt ist groß und weit, wir sind oben und die Probleme sind weit weg…

Als der Prophet Elia in der Bibel am Ende seiner Lebenskräfte angekommen war, heißt es, dass er sich unter einen Baum legte und sterben wollte. Gott, der Herr ließ ihn erst einmal lange schlafen und dann schenkte er ihm frisches Brot und kühles Wasser. Und erst dann, als er wieder genügend Körperkräfte gesammelt hatte, ging es weiter.

Eigentlich eine Binsenweisheit. Genug Bewegung, gesundes Essen und Trinken, genügend Schlaf.

Von Hirschhausen ist mir, im Zusammenhang mit Glück, ein Zitat in Erinnerung: wann haben Sie das letzte Mal geschlafen? Wie lange? Und mit wem?

Schlafen.

Und ein geliebter Mensch, Lieben und geliebt werden lässt unsere Seele Ruhe finden. ——-

Habe ich jetzt irgendetwas aufgezählt, wo Sie in Gedanken eingehakt haben. Vielleicht sogar gedacht haben – ja, das wäre schön…

Machen sie es. Ihre Seele soll zur Ruhe kommen. ———–

Ich möchte einen Gedankenschritt weitergehen: da ist diese Rede von einem Joch. Von dem, was Jesus uns zu tragen gibt und das anscheinend leicht ist.

Es geht um Regeln, Gesetze und Gebote habe ich vorhin gesagt. Man denkt dabei, dass man Dinge, die man gerne täte, nicht darf oder soll.

Ich verstehe das etwas anders. Ich denke, Jesus will uns sagen, dass wir oft wissen, was richtig ist und was uns guttäte, wir es aber nur hinkriegen, wenn wir uns einen Ruck geben oder über eine kleine Hürde springen.

Ich weiß, ich sollte, um meiner Familie und meiner selbst willen, eigentlich früher Schluss machen im Betrieb …

Ich weiß, der Anruf bei … ist überfällig. Warum auch immer? Weil man sich entschuldigen sollte, sich endlich mal wieder kümmern müsste, die Dinge endlich geklärt gehören …

Ich weiß, die Vorwurfspirale mit meiner Frau, mit meinem Mann, ist eigentlich dämlich, bringt gar nichts, macht alles nur noch schlimmer.

Ich sollte mit dem Rauchen aufhören, das zweite, dritte Glas Wein weglassen, endlich früher ins Bett gehen.

… mal wieder beichten gehen.

Jesus sagt ganz ausdrücklich, dass er uns mit dem, was er uns immer wieder an Regeln mitgibt, nicht be-lasten, sondern ent-lasten will. Erlösen will. Frei machen will.

Und wir wissen im Grunde, dass es tatsächlich so wäre, aber irgendwie scheint uns der Sprung zu hoch, die Lust am anderen zu groß und der Leidensdruck noch nicht stark genug.

Aber wir haben auch die Erfahrung, dass immer dann, wenn es uns gelungen ist, uns diesen Ruck zu geben, es uns gutgetan hat.

Geben Sie sich diesen Ruck. Es wird ihrer Seele gut tun.

Übrigens – was ich bisher aufgezählt habe, ist nicht nur christlich, sondern auch unter psychologischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen Erquickung für unsere Seele. Jesus kommt nicht mit Dingen, die völlig außerhalb der Welt wären…

Das griechische Wort, das in unserem Text mit „zur Ruhe kommen“ wiedergegeben wird, heißt „anapauso“. Unser deutsches Wort Pause kommt tatsächlich daher. Gemeint ist nicht nur zur Ruhe kommen oder ruhen lassen, sondern auch unterbrechen. Englisch break, Bruch, Unterbrechung.

Es geht darum, die Dauerschleife, den Daueralltag, das ständige Unterstromstehen, die ständige Volllast rechtzeitig und immer wieder zu unterbrechen. Oder unterbrechen zu lassen. Der Feierabend, der Sonntag, der Urlaub – eigentlich sind diese Dinge dazu gedacht, uns zu unterbrechen. Uns eine Pause zu gönnen. Um zur Ruhe zu kommen. Unsere Seele soll nachkommen in unserem Leben.

Die Frage ist also, wie gestalten wir unsere Pausen? Die Unterbrechungen?

Ein echtes Zur-Ruhe-kommen oder nur unter anderen Vorzeichen weitermachen: Statt Beruf Ehrenamt, oder der leistungsorientierte Hobbysportler, oder, oder…

Haben Sie schon mal davon gehört, dass es Leute gibt, die Mittagsschlaf machen – ein echtes Luxusgut.

Vielleicht denken Sie jetzt, der Typ hat sie doch nicht alle – wie soll ich denn das auch noch hinkriegen?

Erinnern Sie sich – die Waschmaschine, die Spülmaschine, der Computer, die Email – all das sollte uns mal entlasten und uns Freiräume zum Leben geben… Aber all das hat unser Leben vor allem schneller gemacht.

Unserer Seele täte es wahrscheinlich gut, wir täten all das immer mal wieder von Hand…

Und wären tatsächlich offline. Nicht erreichbar.

Zum Schluss noch ein paar andere Anregungen.

Von Ignatius von Loyola, 17. Jahrhundert, Gründer des Jesuitenordens stammt anscheinend folgender Satz: „Nicht das Vielwissen sättigt die Seele und gibt ihr Befriedigung, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge“.

Und der Prophet Ezechiel wird von Gott in der Bibel aufgefordert: Iss diese Schriftrolle…

Die Dinge dieser Welt und unseres Lebens, oder das Wort Gottes kauen, auf der Zunge zergehen lassen, sich durch Leib und Seele gehen lassen, verdauen. Mit etwas schwanger gehen. Meditieren. Darüber nachdenken. Gut Ding will Weile haben. Vor allem, wenn es Hand und Fuß haben soll.

Am Abend dem vergangenen Tag nach-denken. Am Morgen den vor sich liegenden Tag vor-denken.

Ich gehe davon aus, dass Jesus uns nicht sagt: jetzt streng dich halt mal an. Er sagt: komm, ich schenke dir eine Pause. Die anderen vielleicht nicht, ich schon. Ruh dich aus. Ich stärke dich, ich helfe dir. Ja, dein Leben ist mitunter eine große Last. Ich füge dem keine Last hinzu. Vor mir brauchst du keine Angst zu haben. Ich kenne, was dich beschäftigt und belastet. Ich will es mit dir tragen. Lerne von mir…

Jesus hat den Menschen gutgetan. Er hat ihnen ihre Schuld vergeben. Er hat sie gesund gemacht. Er hat die Menschen nicht enttäuscht. Eher fasziniert.

Das alte Kindergebet fällt mir ein: „Jeden Schritt und jeden Tritt geh du lieber Heiland mit. Gehe mit uns ein und aus führe du uns selbst nach Haus“.

Sind wir zu erwachsen für so ein kindliches anvertrauen? —

Was bei mir ein bisschen Schmunzeln auslöst, ist, dass Jesus vor dieser Einladung in unserem Bibeltext noch sagt, dass dieser Weg den Weisen und Klugen oft verborgen ist, aber den Unmündigen offenbart ist.

Ich fühle mich ein bisschen ertappt. Ich bin ja so schlau. Ich weiß genau wie es geht…

Kann es sein, dass mir alles nachdenken, Gedanken vertiefen und schlau sein nicht dahin verhilft, dass ich mich einfach einlasse. Schlicht auf Gott verlasse. Wie ein Kind sich auf seine Mutter oder seinen Vater verlässt…

Dazu lade ich sie ein. Und viele, die diesen Weg schon gegangen sind, sagen – das hat mich erlöst. Das hat mich befreit zu einem Leben in Gelassenheit und Gottvertrauen. Mein Leben ist bei Gott geborgen, komme was da wolle. Das verschafft meiner Seele Ruhe und Frieden.

Das wünsche ich Ihnen – und nicht erst morgen. Heute. Fangen Sie jetzt damit an…

Ich möchte eine Zeit der Stille lassen. Hören Sie hin, ob Gott Ihnen etwas Bestimmtes sagen will…

Kurzes Gebet

Lied: Lob Gott getrost mit singen – 4 Strophen