Ich glaube; hilf meinem Unglauben

Text/Thema: Markus 9,14-27 (Ich glaube; hilf meinem Unglauben!)

Predigt vom 31.012.20 [Markus Bauder]

Markus 9,14-27 (Luther 2017)

Jesus, Petrus, Johannes und Jakobus kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn. Er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen?

Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Wo er ihn erwischt, reißt er ihn zu Boden; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht.

Er antwortete ihnen aber und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.

Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!

Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!

Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und er lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot.

Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

Seit vielen Jahren mache ich es so, dass ich am Altjahresabend noch einmal einen Blick auf die Jahreslosung des vergehenden Jahres werfe.

Als ich meine Aufzeichnungen, meine Predigt aus dem Frühjahr suchte, wurde mir bewusst, wie besonders dieses Jahr war. Meine Predigt war zwar angelegt, die biblische Geschichte war eingetragen, ich hatte ein Bild ausgewählt. Aber da war keine Predigt, keine eigenen Gedanken. Als ich auf das Datum schaute, wann ich diese Predigt halten wollte, war mir klar, warum: März 2020. Diese Predigt hat nicht mehr stattgefunden. Sie ist dem ersten Lockdown zum Opfer gefallen. – Wie manches andere…

Ich glaube, hilf meinem Unglauben… Es gab viele Bilder zu dieser Jahreslosung – dieses hier, von Nina Dulleck, hat mich Ende 2019 besonders angesprochen. Ich fand das damals schon ziemlich herausfordernd. Nina Dulleck meint wohl, dass es Situationen gibt, die auf den ersten Blick ziemlich ausweglos scheinen. Man meint zu wissen, wie diese Situation ausgeht. Das Scheitern scheint vorprogrammiert. Ist das mit der Jahreslosung gemeint?

Und was wäre, wenn die Krokodile für Corona stehen würden? Ziemlich ausweglose Situation. Auch für Christen und die Kirchen? Denn dass es in diesem Jahr auch unter Christen und den Kirchen ziemlich viel Hilflosigkeit gab, war ja nicht zu übersehen.

Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!

Die Jahreslosung stößt mich auch auf eine Frage, die ich mir das ganze Jahr immer wieder gestellt habe. Sie hat mich herausgefordert und beschäftigt. Sie lautet: Macht der Glaube an Jesus Christus einen Unterschied?

Macht der Glaube einen Unterschied, wenn es um Corona geht? Macht er einen Unterschied, wenn es um unsere Ängste geht? Unseren Mut? Unsere Werte? Unsere alltäglichen Entscheidungen?

Irgendwie habe ich das immer vorausgesetzt: ein Mensch, der an Jesus Christus glaubt, handelt in seinem Leben anders als jemand, der das nicht tut. Aber stimmt das?

Die Antwort aus der biblischen Geschichte, die wir vorhin gehört haben, lautet: nein, bei den Menschen macht es keinen oder fast keinen Unterschied. Wir sind im besten Fall Kleingläubige. Und zwar allesamt. Die Zweifler wie die Allerfrömmsten. Die Pharisäer, die Jünger, der Vater, der kranke Junge.

Der Unterschied, der entscheidende Unterschied ist Jesus Christus selbst.

Aber nochmal zu dieser Frage: müssten wir Christen mit Corona nicht anders umgehen als Menschen, die nicht an Jesus Christus glauben.

Zum Beispiel dahingehend, dass wir mutiger sind. Oder vertrauensvoller. Oder liebevoller? Oder bescheidener? Demütiger? Oder dass wir weniger Angst vor dem Sterben und dem Tod haben. Dass die Sorgen wegen einer Krankheit, wegen einem Virus uns nicht so bedrücken wie Menschen, die nicht an Jesus Christus glauben.

Meine etwas deprimierende Erkenntnis ist: nein, es gibt keinen Unterschied. Christen gehen mit Corona nicht anders um als Nichtchristen. Sie haben genauso Angst wie andere. Sie neigen auch zu Hamsterkäufen, sie lassen sich auch davon abbringen, andere zu besuchen. Sie gehen auf Abstand zu anderen. Sie trauen sich nicht mehr in den Bus oder die U-Bahn. Sie geben ihrer Angst den Vorzug. Selbst oder gerade auch in der Kirche.

Oder sie haben diese Ängste alle nicht. Sie gehen in die Kirche. Sie fahren U-Bahn und Bus. Sie kümmern sich um andere. Sie machen sich wenig Gedanken um sich oder eine Ansteckung. Dann aber meist nicht deshalb, weil sie Christen sind, sondern weil sie halt so sind. Es gibt eben Menschen, die ängstlicher sind und solche, die es nicht sind. Das hat viel eher mit unserem Charakter, mit uns als Typ zu tun als mit unserem Christsein. Christsein macht keinen Unterschied. Oder kaum einen.

Ich bin ziemlich ernüchtert.

Ob in der Kirche oder außerhalb, es gibt überall solche und solche. Sehr, sehr fürsorgliche oder solche, die in erster Linie nach sich sehen. Es gibt überall solche, die sich viele Gedanken machen und solche, die sich wenig oder gar keine Gedanken machen. Es gibt überall vernünftige und unvernünftige, kritische und unkritische. Die Angst sich anzustecken oder andere anzustecken ist in der Kirche genauso präsent wie außerhalb.

Eigentlich hoffe ich darauf, dass Ihr mir an dieser Stelle widersprecht und mir irgendwann erklärt, warum es vielleicht doch einen Unterschied macht.

Aber dieses Jahr hat mir vermutlich ein paar Illusionen geraubt… Oder mir die Augen geöffnet – so kann man es auch sehen.

Und ich bin in dieser biblischen Geschichte, die zur Jahreslosung gehört dann darauf gestoßen, dass das, was ich entdeckt habe, vielleicht gar nicht so außergewöhnlich ist.

Nochmal ein paar Stichworte aus dieser Geschichte:

Die Jünger und alle anderen streiten. Um die Wahrheit. Oder um das, was zu tun ist. Oder warum die Kirche halt mal wieder nichts tut oder tun kann. Oder wie man es machen müsste, dass es funktioniert und wer daran Schuld hat, dass es nicht klappt. Ein Mensch, Vater sucht Hilfe. Sein Kind ist krank. Lebensbedrohlich. Die Jünger Jesu sollen helfen. Die gelehrten Pharisäer sind auch dabei. Gott soll helfen. Oder eben sein Bodenpersonal. Und irgendwie klappt das alles nicht so wie sich das alle erhoffen. Die Pharisäer, die Jünger, der Vater, der Junge. Und sie suchen Erklärungen und versuchen sich zu rechtfertigen, warum es nicht klappt.

Die Antwort Jesu an alle. An die Pharisäer, die Jünger, den Vater, den Jungen, kurz alle, die zuhören: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Was für ein Satz!! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt…

Ich bin geneigt, Jesus bis zu einem gewissen Grad zuzustimmen. Glaube versetzt wirklich Berge. Es ist unglaublich, wozu Menschen fähig sind, die sich einer Sache verschrieben haben und daran glauben. Ich bin z.B. der Meinung, dass dieses Ehepaar, dem die Firma Biontech gehört, fast Unmögliches möglich gemacht hat. Andere auch. Dass es vor Weihnachten einen Impfstoff gibt, den man wirklich guten Gewissens impfen kann – das ist eine fast unmögliche Tat. Was für ein Glaube, was für eine Energie. Ja, da hat man mal alles in die Waagschale geworfen, was geht. Knowhow, unglaublich viel Geld. Man hat die Bürokratie mal hintenangestellt.

Und man fragt sich, was an anderen Orten möglich wäre, wenn sich ein solcher Glaube mit solcher Energie und Finanzen mischt…. Wenn es um den Hunger in der Welt geht. Oder den Frieden. Oder die Wasserversorgung. Oder das Klima.

Glaube versetzt manchmal Berge.

Ihr merkt, dass ich hier nicht den Glauben an Jesus Christus meine, sondern den Glauben an eine Sache. Wobei das Eine mit dem Anderen durchaus etwas zu tun haben kann. Sind es etwa nur Menschen, die einen Impfstoff geschaffen haben?

Allerdings muss man einschränkend hinzufügen, dass man hier leider sehr oft nur auf die Erfolgreichen schaut. Wie viel Hoffnungen, wie viel Glaube und Sehnsucht hat es schon gegeben, der aber nicht den Erfolg gebracht hat.

Der Glaube der Erfolglosen interessiert aber niemand. Und so groß kann er ja nicht gewesen sein. Denn sonst wären sie ja nicht erfolglos gewesen…

Die Tausende von Tellerwäschern, die alle gerne Millionär geworden wären, sieht man halt nicht. Man sieht nur den, der es geschafft hat…

Und wie viel Krankheiten sind schon nicht geheilt worden.

Insofern sind die Jünger, die Pharisäer, der Vater und der Junge diejenigen, die so sind wie wir. Deren Glaube eben nicht immer bis zum Erfolg reicht.

Und der deshalb auch brüchig ist. Menschlich eben. Niemand ist überall erfolgreich. Und niemand ist immer erfolgreich. Selbst die erfolgreiche Heilung ist unter Umständen nur eine Momentaufnahme.

Wie Petrus, der kurz auf dem Wasser stehen kann. Und dann untergeht.

So sind wir. So bin ich.

Kleingläubige. Nur kurz Glaubende. Zweifler. Angsthasen. Anfänger.

Man könnte auch sagen: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Die Glaubensfrage mit so etwas heiklem wie Corona in Verbindung zu bringen, ist riskant. Das scheint unpassend. Fast überheblich. Und was soll der Glaube auch anders sagen als Abstand halten, Maske tragen, Hygiene! Da muss man als Christ halt einfach durch. Niemand wird durch seinen Glauben immun gegen das Virus. Aerosole kümmern sich nicht um unseren Glauben.

Andererseits hätten wir es oft vielleicht gerne anders. Dass sich der Glaube eben auch in den schwierigen Situationen unseres Lebens bewährt. Dass wir die Erfahrung machen: Glauben lohnt sich. Glauben hilft, auch schwierige und schwerste Dinge anders zu bewältigen als wenn man diesen Glauben nicht hat. Und so bleibt oft Unsicherheit. Ein eher wackeliger Glaube. Wir trauen uns nicht recht, uns auf unseren Glauben zu verlassen. Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Was in unserer Geschichte den Unterschied macht, ist Jesus Christus. Als er dazukommt, ändert sich die Geschichte und geht dann auch anders aus. Was den Jungen letztlich heilt, ist nicht der Glaube seines Vaters, sondern der Glaube Jesu. Was den Jungen heilt ist nicht der Glaube der Jünger, sondern der Glaube Jesu. Es ist nicht der Glaube der Pharisäer, sondern der Glaube Jesu. Er glaubt und sieht die Heilung den Jungen lange bevor sie da ist. Und spricht aus, was er sieht und glaubt.

Jesus macht den Unterschied.

Daran glaube ich.

Ich weiß gar nicht, ob das so gut wäre, wenn es anders wäre. Wenn wir selbst diesen Glauben hätten. Wir würden uns vermutlich gerne selbst auf die Schulter klopfen. Wir hätten gerne selbst diese Geheimformel, mit der man alle Probleme lösen kann.

Das wärs doch: wenn du nur fest genug glaubst, dann klappt es. Eigentlich können wir uns nicht damit zufrieden geben, dass wir die Kleingläubigen sind. Die zu kurz Glaubenden. Wir hätten gerne mehr Einfluss auf das Ergebnis…

Wenn man nur richtig glaubt, richtig betet, genug spendet, die richtige Einstellung hat…

Ich sags nochmal: Jesus macht den Unterschied. Nicht wir. Lasst uns in all diesen Situationen zurücktreten und Jesus Platz machen. Und wenn er durch seinen Glauben heilt, ist es super. Und wenn nicht, dann werden wir trotzdem weiter hoffen und versuchen zu glauben. Weil wir wissen, dass er es trotzdem gut mit uns meint…

Zwei Kleinigkeiten am Ende, die aber keine Kleinigkeiten sind: 1. Ich glaube, hilf meinem Unglauben ist ein Hilferuf, eine Bitte, die an den gerichtet ist, der helfen kann und es in diesem Fall auch tut. Der Vater hat vielleicht schon bei Vielen um Hilfe gebeten – das hier ist die entscheidende Bitte um Hilfe. Er ist bei dem angekommen, der tatsächlich helfen kann. Und es in diesem Fall auch tut.

Nochmal – Jesus macht den Unterschied. Wenn wir uns in unserer Not an ihn wenden, sind wir bei dem, der helfen kann. Der tatsächlich helfen kann.

Die andere Kleinigkeit: die Erfahrung, dass Glaube Berge versetzen kann, wünsche ich uns auch. Dass es Dinge gibt, für die wir uns mit ganzem Herzen und ganzer Energie einsetzen. Mit allem, was wir haben. Und dazu gehört – zum Glück – auch unser kleiner oder größerer Glaube an Jesus Christus. Das in die Waagschale zu werfen lohnt sich immer – siehe oben, denn Jesus Christus kann sogar Unmögliches möglich machen. Auch wenn er es nicht immer tut. Manchmal erfahren wir es ja tatsächlich so wie der Vater, dass der eine oder andere sehnlichst erbetene, erhoffte und erarbeitete Wunsch in Erfüllung geht.

Von solchem Segen wünsche ich uns für das neue Jahr ganz viel.

Amen