Gott ist Liebe

Predigt zu 1. Johannes 4,16b-21

von Michael Burkhardt
Gottesdienst in der Hoffnungskirche am 29.05.2016

Predigttext: 1. Johannes 4,16b-21 (Übersetzung aus der Basis Bibel)

Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe lebt, lebt in Gottes Gegenwart und Gott ist in ihm gegenwärtig. Darin ist Gottes Liebe bei uns ans Ziel gelangt: Am Tag des Gerichts werden wir voller Zuversicht sein. Denn wie Christus  untrennbar eins ist mit dem Vater, so sind es auch wir – schon hier in dieser Welt.

Die Liebe kennt keine Furcht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn Furcht rechnet mit Strafe. Bei dem, der sich fürchtet, ist die Liebe noch nicht an ihr Ziel gelangt.

Wir können ja nur lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Wer behauptet: »Ich liebe Gott!«, aber seinen Bruder und seine Schwester hasst, ist ein Lügner. Schließlich sieht er seine Geschwister vor sich. Wenn er sie dennoch nicht liebt, kann er Gott erst recht nicht lieben. Denn Gott kann er ja nicht sehen.

Liebe Schwestern und Brüder!

„Gott ist Liebe!“ Bei diesem Satz werden viele an das alte Sonntagsschullied denken: „Gott ist die Liebe, lässt mich erlösen, Gott ist die Liebe, er liebt auch mich.“ Ich denke, es wird heute in der Sonntagsschule nicht mehr verwendet. So schön der Refrain ist, so gewöhnungsbedürftig sind die Strophen. Aber wer das Lied einst mit Hingabe gesungen hat, wird es kaum mehr vergessen.

Gott ist Liebe – in diesem kurzen Satz kann das Evangelium zusammengefasst werden. Dabei kommt das Wort „Liebe“ in den Evangelien so gut wie gar nicht vor. Bei Lukas gibt es genau zwei Stellen, die eine davon haben wir als Lesung gehört. In ihr wird gesagt: Das Befolgen der Gebote allein geht am Eigentlichen vorbei. Paulus nimmt diesen Gedanken in seinem „Hohenlied der Liebe“ in 1. Korinther 13 auf: „Stellt euch vor: Ich verteile meinen gesamten Besitz. Oder ich bin sogar bereit, mich bei lebendigem Leib verbrennen zu lassen. Wenn ich es ohne Liebe tue, nützt mir das gar nichts.“ Auch wer alle Gebote des Gesetzes erfüllt, verfehlt das Ziel – ohne Liebe.

In Gesprächen über ethische Fragen, wie ich mich verhalten soll, argumentieren wird oft trefflich und messerscharf. Aber wir vergessen dann oft, an die Liebe zu denken. Dann geht es nur noch um die Frage: Ist dies oder jenes mit den Geboten Gottes vereinbar, z. B. Homosexualität, Abtreibung oder die Todesstrafe? Das Gespräch würde oft einen anderen Verlauf nehmen, wenn darin die Frage nach der Liebe gestellt werden würde. Was entspricht der Liebe Gottes – Menschen gleichen Geschlechts, die sich lieben, zu segnen – oder ihnen den Segen zu verweigern, weil ihr Verhalten nicht den Regeln entspricht? Was entspricht der Liebe, fragt auch Papst Franziskus in seiner Kirche: Geschiedene, die wieder verheiratet sind, zur Kommunion zu zulassen – oder es ihnen wie bisher zu verwehren?

Noch einmal ist im Evangelium des Lukas ausdrücklich von „Liebe“ die Rede. Wiederum im Spannungsfeld von Gesetzestreue und – vordergründig – unge­setz­lichem Verhalten. Es ist die Geschichte von Jesus im Haus des Pharisäers Simon. Bei der Tischgesellschaft taucht eine Frau mit zweifelhaftem Ruf auf. Das allein schon ein Skandal. Dann bricht die Frau vor Jesus in Tränen aus, löst höchst unschicklich ihr Haar und trocknet damit Jesu Füße. Dem stummen Protest des Pharisäers entgegnet Jesus: „Ihre große Schuld ist ihr vergeben. Deshalb hat sie so viel Liebe gezeigt.“ Von niemand anders sagt Jesus das, nur von dieser Frau, die oft als „große Sünderin“ bezeichnet wurde.

Nur im Johannesevangelium wird die Liebe Gottes und die Liebe der Menschen ausdrücklich zum Thema gemacht. Ganz ähnlich wie in unserem Text werden die Liebe Gottes zu uns und unsere Liebe zu Anderen ganz eng miteinander verbunden. Wir finden diese Sätze im Anschluss an das Bild vom Weinstock und den Reben. Diese Bild steht für die Verbindung Jesu mit den Jüngern. Dann sagt Jesus: „Wie der Vater mich liebt, so liebe ich euch. Haltet an meiner Liebe fest!“   Und kurz danach: „Das ist mein Gebot: Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe!“ (Joh. 15,9.12)

Gottesliebe und Menschenliebe gehören also ganz eng zusammen. Eben diese Gedanken finden sich auch in unserem Text aus dem 1. Johannesbrief: „Wir können ja nur lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Wer behauptet: »Ich liebe Gott!«, aber seinen Bruder und seine Schwester hasst, ist ein Lügner.“ Wer von der Liebe zu Gott spricht, muss auch von der Nächstenliebe sprechen.

In dem bekannten Buch „Die Kunst des Liebens“ des Philosophen Erich Fromm gibt es auch einen Abschnitt über die Nächstenliebe. Erich Fromm bezeichnet die Nächstenliebe als die „fundamentalste Art von Liebe“. Sie ist für ihn grundlegend. Deshalb beschreibt er auch sehr genau, was er darunter versteht: „Damit [mit Nächstenliebe] meine ich ein Gespür für Verantwortlichkeit, Fürsorge, Achtung und Erkenntnis, das jedem anderen Wesen gilt, sowie den Wunsch, dessen Leben zu fördern.“

Erich Fromm betont ausdrücklich: „Nächstenliebe ist Liebe zu allen menschlichen Wesen.“ Und er weist auf eine tiefe und schöne Erfahrung hin, die wir machen können, wenn wir andere Menschen lieben: „Die Nächstenliebe enthält die Erfahrung der Einheit mit allen Menschen, der menschlichen Solidarität, des menschlichen Einswerdens.“

Diese Erfahrung der Einheit hat nichts zu tun mit Gleichmacherei oder dass alle über einen Kamm geschert werden. Natürlich gibt es „Unterschiede von Begabung, Intelligenz und Wissen“. Aber über alle Unterschiede hinaus gibt es einen menschlichen Kern, der uns allen gemeinsam ist. Ich denke, diese Sätze haben heute wieder eine große Aktualität. So schnell unterscheiden wir zwischen denen, die uns angenehm sind und denen, die uns stören; zwischen denen, die zu unseren Werten und unserer Kultur passen und denen, die andere Werte und Maßstäbe haben.

Natürlich müssen wir darüber reden, wie wir in einem Land leben können mit ganz unterschiedlichen Werten und Kulturen, was wir als Bereicherung annehmen können und was nicht den anerkannten Menschenrechten entspricht. Aber jenseits von diesen Entscheidungen gilt es, den uns allen eigenen menschlichen Kern zu entdecken, dass wir als Kinder eines Vater alle miteinander verbunden sind und uns – bei aller Unterschiedlichkeit – respektieren und lieben können.

Gerade im Blick auf die große Zahl von Flüchtlingen ist es nötig, sich noch einen anderen wichtigen Gedanke vor Augen zu stellen. Bei Erich Fromm lesen wir: „… die Liebe zum Hilflosen, di e Liebe zum Armen und zum Fremden [ist] der Anfang der Nächstenliebe. Sein eigenes Fleisch und Blut zu lieben, ist kein besonderes Verdienst. Auch ein Tier liebt seine Jungen und sorgt für sie. Der Hilflose liebt seinen Herrn, weil sein Leben von ihm abhängt; das Kind liebt seine Eltern, weil es sie braucht. Erst in der Liebe zu denen, die für uns keinen Zweck erfüllen, beginnt die Liebe sich zu entfalten.“ Das ist ein Satz, der sehr nachdenkenswert ist: „Erst in der Liebe zu denen, die für uns keinen Zweck erfüllen, beginnt die Liebe sich zu entfalten.“ Wir lieben nicht, damit wir wieder geliebt werden. Wir lieben Andere, weil Gott uns zuerst geliebt hat.

Erich Fromm weist ausdrücklich auf die Liebesgebote im Alten Testament hin. Schon in 3. Mose 19 steht: „Liebe deinen Nächsten wie die selbst.“ Diese Liebe zu den Nächsten ist aus seiner Sicht grundlegend. Aber es genügt nicht, sich theoretisch mit der Liebe zu beschäftigen. Es gilt, die „Kunst des Liebens“ einzuüben. Mit dem Titel „Kunst des Liebens“ will Erich Fromm sagen, dass Liebe  – auch die Liebe zu Gott und zu den Nächsten – eine Sache der Übung ist. Für jede Kunst, so Erich Fromm, braucht es Disziplin, Konzentration und Geduld. Wie das alles geübt werden kann, ist in Fromms Buch schön nachzulesen.

Ich will statt dessen noch einmal auf das Wesen der Liebe eingehen und deshalb Jörg Zink zu Wort kommen lassen. Auch er spricht im folgenden Zitat von der Liebe als einer Kunst: „Die Liebe ist die Kunst, den andern zu lieben, ohne ihn zu beherrschen, ihm nahe zu sein, ohne ihn zu verschlingen zu wollen, ihm Freiheit zu geben, ohne ihn zu verlassen, und bis ans Ende bei ihm zu bleiben.“

Den andern lieben, ohne ihn zu beherrschen – da sehe ich eine Verbindung zu den Sätzen unseres Texte, in denen es um Furcht geht: „Die Liebe kennt keine Furcht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn Furcht rechnet mit Strafe. Bei dem, der sich fürchtet, ist die Liebe noch nicht an ihr Ziel gelangt.“

Herrschen und strafen, das hat mit Furcht zu tun. Nur wenn die Untertanen die Macht des Herrschers spüren, sind sie bereit, seinen Anordnungen zu folgen. Herrschen und Strafen hat mit Liebe überhaupt nichts tun. Deshalb hat Jesus auf die Insignien der Macht verzichtet, ist in einem Stall als Kind einfacher Leute zur Welt gekommen. Deshalb hat Jesus nicht mit Strafe gedroht, vielmehr hat Jesus die Strafe selbst auf sich genommen. Damit wir wissen: wir sind von Gott geliebt, wir sind Gottes geliebte Kinder.

„Die Liebe ist die Kunst, dem anderen nahe zu sein, ohne ihn verschlingen zu wollen.“ Das klingt zunächst eigenartig. Jörg Zink zeigt damit ein Problem falsch verstandener Liebe auf: wir sind für jemand da, damit wir jemand haben, damit uns jemand gehört. Aber das ist nicht die wahre Liebe. Wahre Liebe gibt frei und lässt Freiheit, auch die Freiheit auf diese Liebe zu antworten oder nicht. So macht es Gott mit uns: Gott schenkt uns in Jesus seine ganze Liebe. Und wir sind frei, darin zu leben oder nicht. Jesus hat den reichen Jüngling nicht festgehalten, als der sich von ihm abgewendet hat. Die Liebe ist die Kunst, dem andern Freiheit zu geben, ohne ihn zu verlassen!

So zu lieben, das ist die Einladung Gottes an uns. Gott hat uns zuerst geliebt. Nicht wegen unserer Schönheit, Tapferkeit oder Rechtgläubigkeit, sondern weil sich Gott an uns verschenken wollte. In dieser Liebe zu leben heißt, es Gott gleich zu tun, weil Gott uns dazu befähigt: den andern zu lieben, ohne ihn zu beherrschen, ihm nahe zu sein, ohne ihn zu verschlingen zu wollen, ihm Freiheit zu geben, ohne ihn zu verlassen, und bis ans Ende bei ihm zu bleiben. So tut es Gott an uns, so lasst es uns an andern tun. Amen.