Ein konfliktfreies Leben – wer möchte das nicht?

Predigt zu Apostelgeschichte 6,1-7

von Mareike Bloedt
Hoffnungskirche am 09.10.2016

Predigttext: Apostelgeschichte 6,1-7 (Übersetzung aus der Basisbibel)

Die Harmonielüge - Titelbild von Pychologie Heute
Die Harmonielüge – Titelbild von Pychologie Heute

Liebe Gemeinde,

ein konfliktfreies Leben – wer möchte das nicht?

Doch oft sieht der Alltag ganz anders aus. Privat wie auch in der Arbeit oder in der Gemeinde gibt es immer wieder Konflikte, Streit, Uneinigkeit. Jede und jeder von uns kennt das. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die das Fass zum Überlaufen bringen. Manchmal sind es schwerwiegende Probleme, die unseren Alltag belasten.

Am KJW-Forum hat Klaus Schmiegel in seiner Predigt gesagt: Wir sind alle Kinder Gottes. Wir sind eine Familie und in jeder noch so guten Familie gibt es einmal Streit.

Streit und Konflikte gehören eben zum Leben dazu. Dennoch sehnen wir uns zumeist nach Friede, Freude, Eierkuchen. Doch ist es wirklich hilfreich, Konflikten aus dem Weg zu gehen? Wäre es nicht manchmal ratsamer, den Konflikt zu suchen und auf Friede, Freude, Eierkuchen zu verzichten?

In der Bibel wird uns von ebenso einer Geschichte erzählt. Hier wird der Konflikt geradeheraus angesprochen. Doch hören sie selbst.

Ich lese aus Apg 6,1-7 nach der Basisbibel:

„In dieser Zeit wuchs die Gemeinde stetig. Eines Tages beschwerten sich die Zugezogenen. Sie warfen den Einheimischen vor, ihre Witwen bei der täglichen Speisung zu übergehen.

Daraufhin beriefen die Zwölf eine Versammlung aller Jünger ein und sagten: „So geht das nicht! Wir können doch nicht die Verkündigung vernachlässigen, um selbst an den Tischen das Essen auszuteilen. Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus. Sie sollen einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sein. Ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir dagegen werden uns ganz dem Gebet und der Verkündigung widmen.“

Der Vorschlag fand die Zustimmung der Versammlung. Sie wählten Stephanus, einen Mann mit festem Glauben und erfüllt vom Heiligen Geist. Außerdem Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus aus Antiochia, der früher zum jüdischen Glauben übergetreten war. Diese sieben ließ man vor die Apostel treten. Die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.

Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Gemeinde in Jerusalem wuchs immer weiter. Sogar von den Priestern nahmen viele den Glauben an.“

Die Urgemeinde und insbesondere die Apostel haben es nicht leicht. In den Versen vor unserer heutigen Erzählung wird beschrieben, wie sie von außen mit Schwierigkeiten belastet werden. Die Apostel werden verhaftet und vor den hohen Rat gestellt. Zum Glück der Apostel gibt es einen Pharisäer namens Gamaliel.

Er stellt folgende These auf: Wenn das Handeln der Apostel von Menschenhand ist, wird es von allein zugrunde gehen. Ist es jedoch durch Gottes Kraft gewirkt, so bleibt es bestehen. Der hohe Rat soll daher einfach abwarten, was geschehen wird. Die Apostel kommen also frei.

Doch es wartet bereits der nächste Konflikt. Die Apostel werden  mit gravierenden innergemeindlichen Problemen konfrontiert.

Schauen wir uns – bevor wir uns dem Problem zuwenden – zunächst einmal die Gemeinde vor Ort an: Die Gemeinde besteht aus zwei Gruppen. Die Basisbibel bezeichnet die beiden Gruppen als „Einheimische“ und als „Zugezogene“. Andere Bibelübersetzungen wählen die Unterteilung in „Hebräer“ und „Hellenisten“.

Die Hebräer, als die Einheimischen, sind aramäisch sprechende Judenchristen. Sie sind palästinischer Herkunft.

Die Hellenisten, als die Zugezogenen, sind griechisch sprechende Judenchristen. Sie kommen aus der  Diaspora.

Diese beiden Gruppen haben zum einen ernsthafte Sprachprobleme, zum anderen gibt es kulturelle Unterschiede. Darüber hinaus gibt es Differenzen in der Theologie. Die Hellenisten bilden ein eigenständiges theologisches Profil, das sich von dem der Hebräer absetzt.

Die Gemeinde ist also multikulti. Anders gesagt: Es gibt genug Konfliktpotential.

Doch nicht die Sprache, nicht die kulturellen Unterschiede, noch die Theologie bringen das Fass zum Überlaufen, sondern die mangelhafte Versorgung der hellenistischen Witwen.

Die Zugezogenen – also die Hellenisten – beschweren sich, dass ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen werden.  Nicht die hebräischen Witwen werden übersehen. Nein, nur die hellenistischen. Das ist ein Anfror an die Hellenisten in der Gemeinde. Deshalb beschweren sie sich lautstark bei den Aposteln.

Die Apostel erkennen das Problem und reagieren professionell: sie berufen eine Gemeindeversammlung ein und unterbreiten dabei einen Lösungsvorschlag. Der Vorschlag wird abgestimmt und umgesetzt und am Ende wird ein Fazit gezogen.

Schauen wir uns diesen Prozess einmal Schritt für Schritt an:

Sie berufen eine Gemeindeversammlung ein und unterbreiten dabei einen Lösungsvorschlag.

In unserer Geschichte heißt es hier: Daraufhin beriefen die Zwölf eine Versammlung aller Jünger ein und sagten: „So geht das nicht! Wir können doch nicht die Verkündigung vernachlässigen, um selbst an den Tischen das Essen auszuteilen.“

Auf dem ersten Blick könnte man meinen, dass es in dieser Geschichte, um eine Entlastung der Apostel geht. Dass sie überfordert sind und nicht belastbar sind. Doch darum geht es hier nicht.

Es geht um das klare Befolgen ihres Auftrages. Als Apostel sind sie Zeugen Jesu. In erster Linie sind sie also mit der Verkündigung des Wortes Gottes beauftragt. Dieser zentrale Auftrag lässt eine weitere, dem nachgeordnete Tätigkeit nicht zu. Deshalb beauftragen sie die Gemeinde, wie folgt: „Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus. Sie sollen einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sein. Ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir dagegen werden uns ganz dem Gebet und der Verkündigung widmen.“

Die Apostel schaffen also eine Dienstgruppe, die sich um die diakonischen Belange und den Tischdienst kümmern soll. Für diesen Dienst werden sieben Männer gesucht.

Die Zahl sieben verdankt sich entweder ihrer damaligen Bedeutung als Ausdruck von Fülle und Geschlossenheit oder dem Vorbild jüdischer Gemeinden, deren Vorstände jeweils aus sieben Personen bestanden.

Wichtiger sind jedoch die Kriterien für die Auswahl der Sieben:

Neben einem guten Ruf kommt es vor allem auf das Erfülltsein mit Geist und Weisheit an. Die betreffenden Männer müssen also nicht nur bei anderen in hohem Ansehen stehen, sondern dem auch mit einer ‚inneren Qualifikation‘ entsprechen. Die neue Aufgabe hat als Dienst an und in der Gemeinde eine geistliche Dimension. Deshalb ist es so wichtig, dass sie vom Heiligen Geist erfüllt sind. Ebenso unerlässlich wie das erfüllt sein, vom göttlichen Geist, ist das Erfülltsein mit Weisheit. Denn Weisheit ist unerlässlich bei dieser praktischen Aufgabe.

Abschließend bekräftigen die zwölf Apostel noch einmal ihren ureigenen Auftrag: Die Wortverkündigung. Darauf wollen sie sich weiterhin konzentrieren.

An dieser Stelle ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass sowohl der Dienst des Wortes, als auch der Tischdienst, ein Dienen an der Gemeinde im Namen und Auftrag Gottes ist.

Gebet und Verkündigung gehen hierbei Hand in Hand. Sie gehören untrennbar zusammen, denn Wortverkündigung ist kein Menschenwerk, sondern von Gott geschenkt und erbeten. In dieser Aufgabe wollen die Apostel weiterhin beständig bleiben und all ihre Kraft investieren.

Nun wird dieser Vorschlag abgestimmt und umgesetzt.

So heißt es: „Der Vorschlag fand die Zustimmung der Versammlung. Sie wählten Stephanus, einen Mann mit festem Glauben und erfüllt vom Heiligen Geist. Außerdem Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus aus Antiochia, der früher zum jüdischen Glauben übergetreten war. Diese sieben ließ man vor die Apostel treten. Die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.“    

Sieben Männer werden gewählt. Als ich das gelesen habe, dachte ich mir: „Wow, sieben Leute. Wie haben die das angestellt, dass sich so viele bereit erklärt haben?“ Doch dann habe ich genauer hingeschaut: es sind sieben Personen von vermutlich mehreren tausend Gemeindegliedern. Die sieben Männer sind also nur eine sehr kleine Gruppe aus der gesamten Gemeinde. Wie die Wahl aus so vielen stattgefunden hat, wird von Lukas hier nicht erzählt. Es spielt für den weiteren Verlauf der Geschichte keine Rolle.

Als erster wird Stephanus erwähnt, der in den folgenden Versen nach unserer Erzählung eine herausragende Rolle spielt. Denn dort wird von seinem Märtyrer-Tod erzählt. Das ist auch der Grund für seine Hervorhebung als Mann voll Glauben und Heiligen Geistes. Die weiteren Männer werden lediglich namentlich erwähnt – bis auf Nikolaus: Er wird als ehemaliger Heide, der zum Judentum übergetreten ist vorgestellt.

Alle genannten Personen tragen griechische Namen und gehören somit zur Gruppe der Hellenisten.

Im weiteren Verlauf der Apostelgeschichte begegnen uns nur Stephanus und Philippus.

Die sieben werden durch Gebet und Handauflegung in ihr Amt eingesetzt. Dies entspricht Jesu Vorbild und soll zeigen: Alle Dienste in der Gemeinde tragen zur Förderung des Heils an Seele und Leib bei.

Das heißt: Sowohl die tägliche Versorgung mit lebens-notwendigen Dingen, als auch die missionarische Wort-verkündigung sind von gleich hohem Wert.

Das Auflegen der Hände symbolisiert: Gott befähigt diese ausgewählten Menschen zu diesem Dienst. Sein Segen liegt auf ihrer Arbeit.

Die Apostel haben also durch ihr weises Handeln den Konflikt gelöst, wie die folgende Schlussnotiz zeigt: „Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Gemeinde in Jerusalem wuchs immer weiter. Sogar von den Priestern nahmen viele den Glauben an.“

Hier wird deutlich: die Einsetzung der sieben hat positive Auswirkungen. Das Wort Gottes breitet sich weiter aus und die Gemeinde vermehrt sich stark. Nach Lukas hängt dies zutiefst mit der Einsetzung der Sieben zusammen. Denn dadurch ist nicht nur gewährleistet, dass sich die Apostel weiterhin der Wortverkündigung als ihrem eigentlichen Auftrag widmen können, sondern auch, dass die Wirklichkeit tätiger Liebe in der Gemeinde ihrer Verkündigung entspricht.

Die ausdrückliche Bemerkung, dass dies auch für eine große Menge von Priestern gilt, soll klarstellen: auch von der bedeutenden Gruppe der Tempelpriester, die bisher den Christen ablehnend gegenüber standen, gehört nun ein großer Teil zur christlichen Gemeinde.

 

Soweit die heutige biblische Erzählung. Doch was heißt das für uns heute im Jahr 2016? Hier in Stuttgart?

Ich glaube, diese Geschichte will uns Mut machen. Sie will uns Mut machen, ab und zu den Konflikt zu suchen. Denn hätten sich die Hellenisten nicht bei den Aposteln beschwert  und den Konflikt gesucht, wären niemals diese sieben Männer eingesetzt worden. Das Problem hätte weiter bestanden.

Zu Beginn meiner Predigt habe ich gesagt, dass wir Menschen uns meist nach Friede, Freude, Eierkuchen sehnen. Nach Harmonie.

Streit und Konflikt darauf verzichten wir gerne. Doch die Realität sieht häufig ganz anders aus.

Während meiner Predigtvorbereitung ist die neue Ausgabe von „Psychologie Heute“ in meinem Briefkasten gelandet. Diese Zeitschrift habe ich schon im Studium gerne gelesen und es gibt viele interessante Artikel darin – so auch in der Ausgabe, die mich zuletzt erreicht hat.

„Die Harmonielüge“ steht vorne in großen Lettern drauf (siehe Bild) und als Untertitel heißt es: „Zu viel Einigkeit lähmt. Konflikte bringen uns weiter.“

Das ist mal ein klares Statement. Genau wie in unserem Bibeltext ruft der Autor des Artikels in „Psychologie Heute“ dazu auf, sich auf Konflikte einzulassen. Konflikte bringen uns weiter. Privat, wie auch in der Arbeit oder in der Gemeinde.

Eigentlich erstaunlich, dass in der Bibel dazu aufgerufen wird, sich auf einen Konflikt einzulassen. Klingt es doch sonst in der Bibel zumeist ganz anders. Wie zum Beispiel in der heutigen neutestamentlichen Lesung. Dort hieß es: „Ihr Lieben, wir wollen einander lieben. (…) Wer nicht liebt, kennt Gott nicht. Denn Gott ist die Liebe.“

Diese Worte klingen sehr nach Harmonie. „Liebt einander!“ – Doch ich wage zu sagen: Gerade, wenn wir uns wirklich lieben, sollten wir Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Sich ab und zu zu streiten hat noch keiner Beziehung oder Freundschaft geschadet – im Gegenteil. Vorausgesetzt ist hierbei natürlich, dass man sich danach wieder versöhnt und während des Disputs einander mit Achtung und Respekt begegnet.

Denn wenn ich eine Konflikt löse, heißt das, dass ich es geschafft habe, meine Position und Wahrnehmung zu benennen, sie mit dem oder den anderen zu diskutieren und zu streiten und danach einen Kompromiss zu finden bzw. mich zu versöhnen.

Werden Konflikte mit einem positiven Ergebnis ausgetragen, bringen sie uns also wirklich weiter.

Angenommen wir wollen – der Harmonie wegen – belastende Probleme nicht offen ansprechen, so schwellen sie lange – scheinbar verdeckt – vor sich hin. Sie stauen sich an. Finden kein Ventil zu entweichen. Es wird immer schwieriger diesem Dilemma zu entkommen, bis es sich solange angestaut hat, dass es irgendwann so richtig kracht. Dann ist es mit der Harmonie vorbei und schwer sich wieder zu versöhnen.

Deshalb ist es ratsam, ganz biblisch, bereits zu Beginn eines auftretenden Konflikts das Ganze anzusprechen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung: Das ist super schwer. Es braucht Mut, Kraft und Überwindung. Ich mache mich selbst verletzbar und zeige offen, was ich denke. Doch ich will es dennoch versuchen und Konflikten zukünftig offen ins Auge sehen. Genau wie die Apostel es getan haben, denn nur so können wir einander wirklich lieben. Und „wenn wir einander lieben, ist Gott in uns gegenwärtig. Dann hat seine Liebe in uns ihr Ziel erreicht.“

Amen.