Denn eure Rettung kommt bald!

Predigt zu Lukas 21,25-33

von Mareike Bloedt
Hoffnungskirche am 04.12.2016

Predigttext: Lukas 21,25-33 (Übersetzung aus der Basisbibel)

Liebe Gemeinde,

ich vermute mal, dass viele von ihnen und euch das morgens machen, was auch ich morgens mache. Ich sitze am Frühstückstisch und lese Zeitung. Die Titelseite der Stuttgarter Nachrichten präsentiert mir die wohl wichtigsten Themen des Tages: Weihnachten/Advent, Politik, Geld und oft auch Gewalt. Und wenn ich dann die Überschriften oder die Artikel lese, dann fühlt es sich für mich immer ein bisschen bedrohlich an.

Wir leben in einer Zeit, die von Angst und Sorge geprägt ist. Sich dessen bewusst zu machen, was alles in der Welt vor sich geht und einen Weg zu finden, damit umzugehen, ist unumgänglich. Das treibt uns Menschen um. Ich möchte nicht den Kopf in den Sand stecken und so tun als gäbe es nur mich und meine kleine Welt. Doch irgendwie wird mir durch das Lesen des vorderen Teils der Zeitung das Herz immer ein wenig schwer: es wird über so viel Negatives berichtet und so wenig über schöne Dinge.

Zum Glück gibt es wenigstens im Regionalteil ab zu noch Erfreuliches über das berichtet wird. Über schöne Dinge, die unter uns zu finden sind. So wurde letzte Woche beispielsweise über die Vesperkirche in der Leonhardskirche berichtet. Eine wertvolle Arbeit, da hier Bedürftige eine warme Mahlzeit erhalten.

Es scheint mir so, dass die Ereignisse, die momentan auf der Titelseite der Zeitung stehen, nicht so recht in die Adventszeit passen.

Denn das ist doch eine Zeit der Freude, des fröhlichen Erwartens, oder nicht?

Natürlich. Doch neben dem freudigen Erwarten geht es in der Adventszeit auch um die Erlösung der Welt, die doch an so vielen leidet.

Jesus bringt diese Erlösung, weil er Gottes Sohn ist und er eine Brücke für die Menschen zum Vater schlägt.

Der Predigttext für heute bringt beides zusammen und deshalb passt er gut in die Adventszeit.

Zum einen ist da dieses Gefühl: wir leben in einer Art Endzeit und stehen scheinbar kurz vor dem Zusammenbruch unserer Welt. Und zum anderen ist da doch dieses adventliche Hoffen und Sehnen in uns, dass Gott unter uns wirkt und sich sein Heil und Frieden durchsetzen.

Im Lukasevangelium spricht Jesus Christus davon, dass wir selbst in der schlimmsten Zeit nicht verzagen brauchen, weil das Ende der Welt das Kommen des Menschensohns bedeutet.

Und so heißt es in Lukas 21,25-33 nach der Basisbibel:

»Zeichen werden zu sehen sein an der Sonne, dem Mond und den Sternen. Auf der Erde werden die Heiden zittern und nicht mehr aus noch ein wissen vor dem tosenden Meer und seinen Wellen. Die Menschen vergehen vor Angst, während sie auf das warten, was über die ganze Welt hereinbrechen wird. Denn sogar die Ordnung des Himmels wird erschüttert werden. Dann werden alle es sehen: Der Menschensohn kommt auf den Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit. Aber ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben, wenn das alles beginnt. Denn eure Rettung kommt bald!«

Dann erzählte Jesus den Leuten ein Gleichnis: »Schaut euch doch den Feigenbaum an oder all die anderen Bäume. Wenn ihr seht, dass sie Blätter bekommen, dann wisst ihr: Der Sommer ist bald da. So ist es auch mit euch: Wenn ihr seht, dass das alles geschieht, dann wisst ihr: Das Reich Gottes ist nahe. Amen, das sage ich euch: Diese Generation wird nicht sterben, bevor dies alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.«

Wahrscheinlich können wir dieses bange Erwarten von dem dieser Text spricht, nachfühlen; diese Unsicherheit vor dem, was in der Zukunft noch alles kommen wird. Auch wir fragen uns immer wieder: „Wie soll das noch weitergehen? Was kommt noch alles?“

Den Menschen zu Jesu Zeit ist es genauso gegangen. Sie haben schließlich in einem von den Römern besetzten Land gelebt. Sie haben nicht gewusst, wie es in ihrem Land weitergehen wird und haben sich sehnlichst gewünscht, dass der Messias kommt und endlich einmal aufräumt und sie von der Besatzermacht befreit.

Doch Jesus reagiert anders. Er hat ihnen sehr deutlich gemacht, dass diese Erlösung von der der Text spricht nicht auf politischer oder weltlicher Ebene sein wird. Sein Leben und seine Worte widersprechen all diesen Vorstellungen.

Und hier in unserem heutigen Bibelabschnitt sagt er nun zu seinen Zuhörerinnen und Zuhörern: Das Ende der Welt läutet Gott ein, nicht der Mensch.

Deshalb geschehen an Mond, Sternen und der Sonne Zeichen. Erde und Himmel kommen aus dem Gleichgewicht. Das sind Ereignisse, die die Menschen nicht begreifen oder kontrollieren können. Deshalb macht es ihnen Angst.

Angst zu haben vor dem, was ich nicht kontrollieren kann, kenne ich gut. Ich hab gern den Überblick – privat, wie auch in meiner Arbeit als Pastorin. Wenn ich den Überblick habe, bekomme ich dadurch ein Gefühl von Sicherheit. Doch das geht nicht immer. Manche kleineren Problemen direkt vor meiner Tür und auch die großen Problemfelder dieser Welt liegen außerhalb meines Einflussbereiches.  Das macht mich ganz schön hilflos. Wie gerne würde ich die Welt besser machen, Kriege beenden, für mehr Gerechtigkeit sorgen.

Wenn ich nun diese ersten Verse unseres Predigttextes lese, fühle mich sehr darin bestätigt und doch nicht besser. Hier wird die Endzeit in vielen dunklen bedrohlichen Bildern geschildert. Die sehnsuchtsvolle Frage, die in diesen Zeilen mitschwingt, ist: „Wie lange noch?“

Und ich frage mich das ja auch: Wie lange müssen wir es mitansehen, wie unsere Welt zerbricht? Wie lange noch, müssen wir aushalten, dass das, was uns lieb und teuer ist, durch die Finger rinnt? Wie lange noch herrschen Habgier und Egoismus, wie lange noch siegt Unrecht über Gerechtigkeit?

Jesus möchte uns mit seiner Endzeitrede keine Angst machen. Sie macht deutlich, wie dringend notwendig Veränderung ist.  Denn mit dem Untergang der Welt, wie wir sie kennen, kommt etwas ganz Neues, Großartiges. Der Menschensohn, unsere Lichtgestalt,  kommt in seiner ganzen Herrlichkeit und Macht. Das Ende, so sagt uns die Bibel, ist nicht schrecklich, sondern  erfüllt von Gottes Herrlichkeit. Das Ende ist ein neuer Anfang.

Diesen Neuanfang kann es aber kaum geben, wenn nicht das Alte zu Ende geht, auch wenn dadurch Angst und Unsicherheit entstehen. Das ist wie bei jeder Geburt. Etwas geht zu Ende, nämlich die Schwangerschaft, aber neues Leben kann sich nur dadurch entwickeln – auch wenn es mit machen Unsicherheiten und Wehen verbunden ist. Dem Menschensohn und seiner Mutter Maria ist es nicht anders ergangen.

Dass der Menschensohn kommt, ist ein Ereignis, das die Welt erschüttert und verändert. Wenn wir die ersten Kapitel des Lukasevangeliums lesen, dann wird uns das bewusst.

Als Maria erfährt, dass sie schwanger ist, singt sie in ihrem Lobgesang: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Welche Reichen und Mächtigen sollten sich da nicht fürchten? Welchem Volk sollte da nicht Angst und bange werden, wenn es zu solchen Umkehrungen kommt?

Kein Wunder, dass Matthäus in seinem Evangelium beschreibt, wie misstrauisch und besorgt König Herodes auf die frohe Kunde der Geburt des neugeborenen Königs der Juden reagiert.

Das Kommen des Menschensohns ist keine harmlose Angelegenheit.

Advent ist nicht nur die Zeit der Freude, der himmlischen Familie und der Geborgenheit. In diesen Wochen bereiten wir uns auf Gottes Umbruch der Welt vor, der mit der Geburt Jesu Christi bereits stattgefunden hat.

Und deshalb haben in dieser Zeit unsere Erwartungen, Hoffnungen, Sehnen, Angst und Schmerz seinen Platz, weil all das mit einer Umbruchsituation einhergeht.

Jesus ruft uns nun zu: „Aber ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben, wenn das alles beginnt. Denn eure Rettung kommt bald!“ Die Rettung, die Erlösung ist nahe.

 Die Angst schränkt unseren Blick oft  ein, weil wir nur nach unten schauen. Sie macht uns klein, weil wir uns zusammenkauern.

Jesus will uns zu Sehenden und Aufrecht Gehenden machen. Zu Menschen, die ihr Herz, ihre Hände und den Kopf erheben, um sich nach ihm auszustrecken.

Vor kurzem bin ich auf dem Tutorium im Rahmen meiner Begleitzeit gewesen. Dort hatten wir einen Nachmittag die Gelegenheit mit einer geistlichen Begleiterin zu sprechen und verschiedene geistliche Übungen auszuprobieren.

Eine dieser Übungen hat mich besonders angesprochen. Sie beginnt, in dem man sich ganz aufrecht und gerade auf den Boden stellt. Man spürt seinem Körper nach und streckt sich durch – in dem Wissen, dass Gott uns als aufrechte Wesen geschaffen hat. Er will nicht, dass wir uns vor ihn krumm machen oder verkrampfen.

Und seien wir doch ehrlich: es gibt vieles, das uns belastet, uns verkrümmt und auf den Schultern lastet – im realen und übertragenen Sinne.

Und solche Verkrampfungen lösen starke Schmerzen aus. Doch Gott richtet uns auf. Er will, dass wir als befreite Menschen ihm gegenüber aufrecht treten. Wir müssen uns vor Gott nicht klein machen.

Das hat uns heute auch die neutestamentliche Lesung erzählt. Wir haben von der gekrümmten Frau gehört. Man kann sich das so richtig bildlich vorstellen, was dieses Aufgerichtet-werden für diese Frau bedeutet. 18 Jahre hat sie nur den Boden vor sich gesehen. Unvorstellbar. Doch als Jesus sie aufrichtet, nimmt sie ihre Welt auf einmal wieder ganz anders wahr. Sie sieht wieder mehr als nur den Boden vor sich.

Wenn Jesus uns hier zuspricht, dass wir uns aufrichten sollen, dann möchte er uns auch einen weiten Blick schenken. Wir können mehr sehen als nur das, was vor uns liegt und was in dieser Welt ist. Unsere Erlösung naht – das sehen wir, wenn wir im Advent auf die Krippe zugehen und mit dieser Hoffnung können wir auch beruhigt in ein neues Jahr gehen.

Diese Hoffnung drückt Jesus in einem Gleichnis aus: „Schaut euch doch den Feigenbaum an oder alle die anderen Bäume. Wenn ihr seht, dass sie Blätter bekommen, dann wisst ihr: Der Sommer ist bald da. So ist es auch mit euch: Wenn ihr seht, dass das alles geschieht, dann wisst ihr: Das Reich Gottes ist nahe.“

Die Natur wird uns hier zu einem Zeichen. Sie blüht, auch wenn sie nicht weiß, wie ihre Zukunft aussieht. Der Winter, wenn es kalt ist und Schnee liegt, lässt nicht erahnen, dass tatsächlich Blumen und Bäume noch Leben in sich haben. Unsere Tradition, einen Weihnachtsbaum aufzustellen, erinnert uns daran. Der grüne Baum mit seinen vielen Lichtern ist ein Zeichen des Lebens in einer eher trüben Jahreszeit. Er ist ein Zeichen der Hoffnung, dass nicht nur etwas, sondern dass jemand kommt.

Wenn wir in diesem Jahr wieder erleuchtete Tannenbäume sehen, dann sollen sie uns genau diese Hoffnung geben. Die Welt ist nicht am Ende, weil Gott über ihr herrscht. Zeichen dafür können wir erkennen, wenn wir uns aufrichten und uns umschauen.

Perspektivwechsel: Die Gemeinde mal nicht von der Kanzel aus gesehen
Perspektivwechsel: Die Gemeinde mal nicht von der Kanzel aus gesehen

Ich habe das in den letzten Wochen erleben dürfen. Ich durfte einmal die Perspektive wechseln, denn normalerweise stehe ich als Pastorin ja während dem Gottesdienst hier vorne und habe dadurch nicht die Gelegenheit in Ruhe und Gelassenheit jeden Gottesdienstbesucher einzeln zu sehen und wahrzunehmen. Man nimmt von hier vorne doch eher die große Masse wahr.

Doch in den letzten Wochen hatte ich aufgrund meiner Krankheit das Privileg Gottesdienste einfach mitzuerleben ohne etwas tun zu müssen. Wie ihnen und euch vielleicht aufgefallen ist, bin ich meistens ziemlich weit hinten gesessen. Es gibt eine einfache Erklärung dafür: Ich saß nicht so weit hinten, weil das in der Kirche oft eine Tradition ist, dass die hintersten Plätze anscheinend die besten sind, sondern weil ich so einen Überblick über den ganzen Gottesdienstraum gewinnen konnte. Ich habe eine neue Perspektive einnehmen können. Ich musste einmal nicht in der ersten Reihe sitzen.

Und von diesem neuen Platz ist mir eines aufgefallen: Es sind echt viele Menschen da. Junge und Alte. Da saßen die Teenies, die wir im April eingesegnet haben, junge Erwachsene mit und ohne Kinder und so viele andere Menschen. Und ich habe mir in diesem Augenblick gedacht: Es ist so schön, dass so viele verschiedene Menschen hier in dieser Gemeinde zu Hause sind.

Vielleicht denken sie sich jetzt: Naja, ich sehe das aber anders. Die Reihen werden immer leerer. Die Teenies und Jugendlichen fühlen sich doch gar nicht wohl und ich auch nicht… Aber ich möchte ihnen sagen, für mich wurde diese Erfahrung dieser neuen Perspektive zu einem Hoffnungszeichen.

Natürlich kann es immer besser gehen. Noch mehr Stühle könnten besetzt sein, doch ich bin dankbar für alle Menschen, die sich schon jetzt zu unserer Gemeinde zählen.

Und deshalb lade ich sie und euch alle ein, nicht nur das Bedrückende zu sehen. Schauen sie nicht auf die leeren Stühle, sondern auf die besetzten!

Denn jede und jeder einzelne in diesem Raum macht diese Gemeinde hier aus. Es liegt an uns, dass wir uns hier wohlfühlen. Nur wir selber können etwas verändern. Nicht die anderen.

Und das bezieht sich nicht nur auf unsere Gemeinde, sondern auf unser Volk und die ganze Welt.

So wie es ein alter Rabbi einmal beschrieben hat, wenn er sagt: „Als ich jung war, wollte ich die Welt verändern. Als ich älter wurde erkannte ich, dass dieses Ziel zu ehrgeizig war, darum versuchte ich mein Volk zu verändern. Als ich älter wurde erkannte ich, dass ich auch mein Volk nicht verändern konnte und so fing ich an, mich auf meine Stadt zu konzentrieren. Doch irgendwann wurde mir bewusst, dass ich nicht einmal das schaffe und so versuchte ich meine Familie zu verändern.

 Jetzt als alter Mann weiß ich, dass ich damit hätte anfangen sollen, mich selbst zu verändern. Wenn ich bei mir selbst angefangen hätte, dann hätte ich vielleicht dabei Erfolg gehabt meine Familie, die Stadt oder sogar mein Volk zu verändern – und wer weiß, vielleicht sogar die ganze Welt.”

Ich möchte mir diesen Rabbi gerne als Vorbild nehmen. Und ich glaube, das ist auch genau das, was uns Jesus in diesem Predigttext mitgeben will: Die Not unserer Welt ist groß und sie macht uns berechtigt Angst. Aber wir können uns hoffnungsvoll aufrichten, weil wir aus der Begegnung mit ihm in seinem Wort und in der Gemeinschaft heute Kraft bekommen, etwas zu verändern, zu hoffen und sehnsüchtig auf sein Kommen und Wirken zu warten.

Denn so spricht uns Jesus zu: „Aber ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben (…) Denn eure Rettung kommt bald! (…)Das Reich Gottes ist nahe. Amen, das sage ich euch: Diese Generation wird nicht sterben, bevor dies alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.

 Amen.