Angst und/oder Liebe

Predigt zu 1. Joh 4,17c-19

Von Pastor Markus Bauder
Hoffnungskirche am 18.10.2020

Pastor Markus Bauder in der Hoffnungskirche

Zum Geburtstag hab einmal ich einen Text geschenkt bekommen, der mich seither immer wieder beschäftigt. Er stammt von Neal Donald Walsh: Angst oder Liebe

Letztlich gründen sich alle menschlichen Handlungen auf zwei Grundgefühle:
Liebe oder Angst.
Nicht nur unser Handeln, das mit Beziehungen zu tun hat, auch Entscheidungen, die Geschäfte betreffen, das Wirtschaftsleben, die Politik, die Religion, die Erziehung.
Angst ist dabei die Energie, die zusammenzieht, versperrt, einschränkt, wegrennt, sich versteckt, hortet, Schaden zufügt.
Liebe dehnt sich aus, öffnet, sendet aus, bleibt, enthüllt, teilt, heilt.
Angst verhüllt, Liebe gestattet uns, nackt dazustehen.
Angst krallt und klammert sich an alles, was wir haben,
Liebe gibt alles fort, was wir haben.
Angst hält eng an sich, Liebe hält wert und lieb.
Angst reißt an sich, Liebe lässt los.
Angst nagt und wurmt, Liebe besänftigt.
Angst attackiert, Liebe bessert.
Jeder Gedanke, jedes Wort oder jede Tat eines Menschen gründen sich auf eine dieser beiden Emotionen. Darin haben wir keine Wahl, denn es steht uns nichts anderes zur Wahl. Aber wir haben freie Wahl, welche der beiden wir aussuchen.
Angst lässt uns Feinde bekämpfen, Liebe lässt uns Freunde gewinnen. Das Grundgefühl in unserem Herzen entscheidet über unsere Gedanken. Die bestimmen unsere Taten und diese gestalten unsere Welt und unser Geschick.

Nun kennen vielleicht manche Donald Walsh und wissen, dass man über seine Bücher durchaus geteilter Meinung sein kann. Aber nehmen wir doch einfach die Bibel und schauen da hinein: Jesus sagt im Johannesevangelium (Joh 16,33):

„In der Welt habt ihr Angst; aber … seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Anscheinend über 300-mal heißt es im Alten und Neuen Testament:

„Fürchtet euch nicht. Fürchte dich nicht.“

Oder, und dieser Text ist gewissermaßen die biblische Grundlage meiner Predigt:

Furcht ist nicht in der Liebe, nein, die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich also fürchtet, ist in der Liebe nicht zur Vollendung gekommen. Wir aber lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“

Damals, als ich den Text von Walsh zum ersten Mal gelesen und darüber nachgedacht habe, war mir klar – ich will mich eher von der Liebe leiten lassen und nicht von der Angst. Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Angst essen Seele auf, das wissen wir inzwischen. In dem Film gleichen Titels aus dem Jahr 1974 von Rainer Werner Fassbinder geht es letztlich – um ein Magengeschwür… Angst macht krank.

Angst als Antrieb ist zwar kurzzeitig hilfreich. Verhilft uns in Gefahrensituationen zur Flucht. Lässt uns spontan große Kräfte entwickeln und blitzschnell reagieren.

Langfristig macht uns Angst krank und lässt uns verkümmern…

Letztlich führt Angst nicht zum Leben, sondern zum Tod.

… den die Angst fürchtet. Letztlich, habe ich gelesen, lassen sich fast alle Ängste bündeln in der Angst vor dem Tod. Vor dem Nichts. Vor der Bedeutungslosigkeit. Davor haben wir letztlich Angst. Komisch, gell – Angst vor dem Tod ist letztlich tödlich… Ein echter Teufelskreis. Ein Strudel, der nach unten zieht.

Aus der Angst heraus führt uns die Liebe.

Liebe überwindet die Angst. Fürchtet euch nicht. Fürchtet nicht um euer Leben. Nicht um Eure Gesundheit. Nicht darum, was ihr anziehen oder essen sollt. Nicht vor Corona.

Fürchtet euch nicht vor der Bedeutungslosigkeit: Eure Namen sind im Himmel angeschrieben. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Sagt Gott. Du hast Bedeutung bis in alle Ewigkeit.

Liebe überwindet, so haben wir als Christen gelernt, sogar den Tod. Sosehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Der Christus, von dem wir hier reden, ist nicht im Tod geblieben. Er ist auferstanden! Er lebt.

Liebe führt zum Leben. ———

Das ist so fatal an der gegenwärtigen Zeit. Da ist so viel Angst. Soo viel Angst. So viel Furcht. Und man kann fast zuschauen, wie sie uns unsere Lebenskraft raubt. Regelrecht heraussaugt. Wie die Dementoren bei Harry Potter. Und diese Angst bestimmt ganz, ganz viele Entscheidungen.

Diese Angst führt in die Einsamkeit. Nagt an unseren Seelen. Führt zu Magengeschwüren.

Viele sagen uns jetzt schon eine dritte Welle voraus: die Welle der psychischen Erkrankungen. Der Angststörungen und Depressionen.

Man muss sich ja fragen, was schlimmer ist: Corona oder die Angst vor Corona.

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Wenn Ihr bis hierher mitgegangen seid, dann lasst uns einen Moment innehalten.

Wie ist das jetzt? Haben etwa die recht, die keine Angst haben? Die Maskenverweigerer und Querdenker? Die Leichtsinnigen, die sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen, nur weil sie ein Stück Stoff über Mund und Nase ziehen sollen?

Wie ist das jetzt? Ist die Angst in dieser Zeit nicht doch hilfreich? Und zu Recht da? Weil sie schützt. Unser Gesundheitssystem. Die Älteren und Gefährdeten. Letztlich jeden, der der Angst nachgibt und folgt…

Wie ist das jetzt? Hilft uns Liebe in dieser Situation tatsächlich weiter? Liebe als Antrieb und Motivation? Bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen? Ist Abstand und Maske mit Liebe tatsächlich besser als Abstand und Maske mit Angst? Ist das überhaupt wichtig?

Und was heißt das evtl. konkret, wenn uns Liebe bestimmt und nicht die Angst.

Nun, wenn wir jetzt miteinander diskutieren würden – wahrscheinlich hat jede und jeder von Euch dazu Meinungen und Ideen. Ich sag mal, was mir wichtig ist:

Liebe ist immer besser als Angst. Immer. Auch in Zeiten von Corona. Angst ist eine Abwehrhaltung, Liebe eine Hinwendung. Abwehr ist kurzzeitig gut, aber als Lebenshaltung schwierig. Immer aus der Gefahrenabwehr heraus zu leben, macht paranoid und – siehe oben – verhindert unter Umständen das, was es fürchtet eben trotzdem nicht.

Liebe ist eine Hinwendung. An das Leben. An andere. Öffnet sich und lädt zum Leben ein.

Ich setze auch in Coronazeiten auf die Hinwendung. Zugegeben mit Abstand und Maske. Das muss sein. Aber wir dürfen und können uns nicht einfach von anderen Menschen und voneinander zurückziehen.

Liebe kann letztlich nicht alleine bleiben. Kann sich nicht einfach vom anderen zurückziehen. Liebe braucht einander und muss Räume schaffen, die dem Leben und den Menschen dienen.

Aus Liebe handeln, heißt natürlich auch, zu wissen, was der oder die anderen tatsächlich brauchen. Da helfen uns in Sachen Corona Wissenschaftler. Das Robert Koch Institut. Christian Drosten. Hendrik Streek. Und andere.

Aber es ist auch wichtig den Einzelnen zu fragen. Den Kontakt zu suchen. Was hilft dir? Was brauchst du? Was vermisst du? Wie können wir uns gegenseitig stützen? Unterstützen?

Aus Liebe das allgemeine Lebensrisiko sinnvoll abwägen? Mein eigenes. Das der anderen. Autofahren erhöht das Risiko. Rauchen oder Alkohol ebenfalls. Zurzeit erhöhen private Feiern das Lebensrisiko. Die Mund-Nase-Maske verringert es.

Risikoabwägung aus Liebe und für das Leben. Das Leben, das uns Gott geschenkt hat, schützen. Das der anderen. Das eigene. Kreativ. Intelligent. Mit vollem Einsatz. Bereit, auch Neues auszuprobieren.

Eine Videokonferenz ist besser als sich gar nicht zu treffen. Ein Familientreffen in kleinerer Besetzung, mit Maske und Abstand ist besser als gar kein Treffen.

Zähneknirschend das Kindermusical absagen, aber trotzdem eine Online- Backaktion anbieten. Auf Besuche im Altersheim verzichten, aber trotzdem im Hof von Martha Maria Musik machen.

Das alte Telefon entdecken und Leute anrufen. Postkarten und Briefe schreiben.

Wenn wir aus Liebe heraus handeln, werden wir immer den anderen suchen. Die Beziehung. Die Gemeinschaft. Wenn auch zurzeit nicht immer die Nähe.

Wir haben letzte Woche den Seniorenkreis abgesagt. Aus Liebe. Aber gerade die Liebe sagt mir, dass wir uns trotzdem umeinander kümmern müssen. Wir müssen trotzdem Formen des Miteinanders finden.

Wir verzichten aus Liebe momentan auf den gemeinsamen (Gemeinde)Gesang und den Kirchenkaffee. Ihr lacht? Nun, überlegt mal, ob das nicht unser Gefühl und unseren Gesichtsausdruck verändern würde, wenn wir es tatsächlich aus Liebe machen würden. Ich sags mal so: Johanna und Andreas, dass ihr nachher für uns singt, ist ein echter Liebesdienst.

Das ist doch anders als wenn ihr nachher die Zähne zusammenbeißt und denkt: jetzt darf ich noch nicht mal singen. Da fühle ich mich in meiner Freiheit eingeschränkt…

Aber wir können darauf nicht auf Dauer verzichten. Kirchenkaffee und Singen sind Ausdrucksformen unseres Glaubens. Sind Ausdruck unserer Liebe zueinander und zu Gott. Das können wir nicht einfach weglassen.

AHACL aus Liebe, nicht aus Furcht. Ich halte Abstand um andere nicht zu gefährden. Ich wasche mir die Hände. Wegen der anderen und weil ich das Leben liebe. Ich trage meine Maske mit Überzeugung, denn es ist mein Beitrag zum Leben. Und wir lassen frische Luft rein, damit alle eine möglichst gesunde Luft atmen können.

Aus Liebe gibt es heute ein Mitgebsel: Ferrero Küsschen – hoffentlich Coronakonform verpackt… Es ist schön, dass Ihr da sein, dafü rein Küsschen. Aus Schokolade. Auf Abstand.

Vielleicht habt ihrs mitbekommen: in den Ländern südlich des Äquators, in Südafrika, Neuseeland, Australien ist in diesem Jahr die Grippewelle ausgefallen. Da war ja in den letzten Monaten Winter. Und damit Grippezeit. Aber sie hat nicht stattgefunden. Abstand, Maske und Hygiene schützen nicht nur vor Corona…

Und ich komme vielleicht trotzdem hierher. Auch wenn ich unsicher bin und ein bisschen Angst habe. Aus Liebe und wegen der anderen. Mut ist Angst, die gebetet hat – steht auf einer Postkarte, die ich ab und zu verschicke.

Fürchtet euch nicht. Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe, sagt Christus.

Mir geht es heute nicht in erster Linie darum, die Coronabestimmungen der Politik zu bewerten, sondern in einer Zeit, in der sehr viel Angst ist und Sorge deutlich zu machen, dass wir gerade in dieser Zeit, nicht vergessen sollten, dass Jesus Christus die Liebe als Grundhaltung des Lebens vorgelebt hat. Nicht die Furcht.

Als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger wollen wir uns nach dieser Liebe und Zuwendung an das Leben ausstrecken.

Und kreativ sein und nicht nachlassen in diesem Ausstrecken. Neue Forman finden. Neue Gemeinschaft finden. Mutig sein und Gott vertrauen. Der Liebe trauen.

Dazu helfe uns Gott. Amen