2 Schuldige – Seite an Seite mit Jesus am Kreuz

Predigt Pastor Markus Bauder zu Lk 23,32-43 (gehalten FK 28.3.2021)

Heute geht es um die beiden Menschen, die rechts und links von Jesus gekreuzigt wurden. Von beiden erzählt der Evangelist Lukas mit folgenden Worten: (Lk 23,32-33.39-43)

Zusammen mit Jesus wurden auch zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt. Sie kamen zu der Stelle, die »Schädel« genannt wird. Dort kreuzigten sie Jesus und die beiden Verbrecher – den einen rechts, den anderen links von ihm. (…) Auch einer der Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt worden waren, verspottete Jesus: »Bist du nicht der Christus? Dann rette doch dich und uns!« Aber der andere wies ihn zurecht: »Fürchtest du noch nicht einmal Gott? Dich hat doch dieselbe Strafe getroffen wie ihn! Wir werden zurecht bestraft und bekommen, was wir verdient haben. Aber er hat nichts Unrechtes getan!« Und zu Jesus sagte er: »Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.« Jesus antwortete: »Amen, das sage ich dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!«

Die zwei Verbrecher rechts und links von Jesus. Habt ihr über die beiden schon mal nachgedacht? Ich habe zu ihnen ein paar Impulse zum weiteren Weiterdenken:

1. Was wäre, wenn der Übeltäter, der mit Jesus ins Paradies gekommen ist, Adolf Hitler geheißen hätte? —

2. Rechts oder(!) links – das ist die Frage!

3. Wie lange kann man sich eigentlich entscheiden, wo man hängen will? —

Mein erster Gedanke: Was wäre, wenn der Verbrecher, der mit Jesus ins Paradies gekommen ist, Adolf Hitler geheißen hätte? Die ganze Geschichte bekommt ja eine völlig andere Perspektive, wenn wir den beiden Namen geben.

Wir sehen zwar, dass der Verbrecher am Kreuz seine Schuld einsieht, sie bereut und ehrlich zu Jesus sagt: „Herr, erbarme dich meiner.“ Aber trotzdem. Das geht alles viel zu schnell. Man wird das Gefühl nicht los, dass man sich hier irgendwie vor der Verantwortung drücken kann. Da ist einer vielleicht für schlimme Taten verantwortlich und dann reichen ein paar Minuten ehrliche Einsicht und schon kommt so einer ins Paradies.

Man kann dem, ich nenn ihn jetzt mal den „glücklichen“ Übeltäter ja zugutehalten, dass er für seine Taten büßen muss. Er erleidet immerhin die Todesstrafe. Und er sagt ja auch, dass er zurecht dort hängt. Es scheint ihm klar zu sein, dass er für etwas bestraft wird, das nach damaligem Recht der Todesstrafe würdig war.

Wir sehen darin auch, dass wir hier auf der Erde wohl nicht so einfach den Folgen unserer Taten entkommen.

Aber es sieht tatsächlich so aus, als ob die Grenze zwischen Leben und Tod eine Grenze ist, hinter der mit anderen Maßstäben gemessen wird. Da scheint die ehrliche Einsicht „Herr, sei mir Sünder gnädig“ zu genügen. Ist es so?

Ich würde sagen, ja. Hier an dieser Stelle wird es konkret. Vielleicht sogar auf ärgerliche Weise konkret. Die Einsicht, von Gottes Gnade abhängig zu sein und die Bitte um diese Gnade ist die einzige Voraussetzung, ins Paradies zu kommen. Die einzige Voraussetzung, im Frieden mit Gott und sich selbst zu sterben, bzw. in eine gute andere Welt hinüberzugehen.

Vielleicht wird die Perspektive noch einmal anders, wenn wir diesem Übeltäter unseren eigenen Namen geben. „Heute wirst du, Markus, Birgit, Walter, … mit mir im Paradies sein.“

„Puuh, das war knapp – gerade noch mal Glück gehabt.“

Ich finde den Gedanken beruhigend, dass ein Übeltäter, ein Sünder oder auch ich, kurz vor dem Tod noch die Gnade Gottes erleben kann. Es gibt diese Chance bis zum Schluss. Und entscheidend ist nicht die Länge oder Größe der Buße, sondern die ehrliche Bitte um Gnade.

Wer könnte auch sonst selig werden? ——————-

Zweiter Gedanke: Rechts oder(!) links – das ist hier die Frage!

Ich habe über diese beiden Übeltäter gelesen, dass sie uns ständig vor Augen halten sollen: Vor Gott gibt es letztlich nur diese beiden Haltungen. Also die Haltung des einen Übeltäters oder die des anderen. Man kann, wenn man es also ein bisschen krasser ausdrücken möchte, sagen, dass man entweder rechts oder links von Jesus hängt.

Der eine Mensch steht für eine Haltung, die vor allem, oder nur sich selbst sieht. Das eigene „Davonkommen“. Nicht für seine Fehler gradestehen müssen oder wollen, möglichst ungestraft davonkommen, egal, was man angerichtet hat. Man blendet die Folgen oder gar eine eigene Verantwortlichkeit und Rechenschaftspflicht aus.

Der andere steht für die Haltung, dass ein Mensch einsieht: Ich bin zwar für meine Taten verantwortlich – aber ich übersehe beileibe nicht alles und mein Glück im Leben oder im Tod hängt auch von der Gnade Gottes ab.

Ein solcher Mensch übernimmt Verantwortung für sein Leben. Er wäscht seine Hände nicht in Unschuld und sucht auch nicht für alles einen anderen Schuldigen.

In einem Gesprächskreis sagte einmal eine Teilnehmerin auf die Frage, wer denn nun für den Tod Jesu verantwortlich ist: „Bis jetzt war der Tod Jesu für mich immer eher eine Art Glaubenssatz. Das ist halt passiert. Aber dass da Menschen die Verantwortung zu übernehmen hatten, dass irgendjemand das Todesurteil angeordnet und irgendjemand vollzogen hat, ist mir nicht klar gewesen. Und dass ich da genauso mit drinstecke, ist mir erst heute klar geworden.“

An diesem Punkt war der „glückliche“ Übeltäter auch. Und in dieser Einsicht merkt er, dass es nicht zum Paradies reicht. Es reicht selten ganz. Zur Liebe. Zur Gerechtigkeit. Zur Wahrheit. Es reicht selten zu wirklich Gutem. Oder zu ewigem Glück.

Aus eigener Kraft mag viel gelingen, aber es reicht nicht. Weil eben auch sehr vieles nicht gelingt. Und das genauso viel wiegt und wert ist, wie das andere.

Wir sind auf Gnade angewiesen. Auf Vergebung. Bei unseren Mitmenschen und bei Gott. Und das ist die Einsicht des „glücklichen“ Übeltäters: „Herr, erbarme dich meiner.“

——————————–

Dritter Gedanke: Wie lange kann man sich eigentlich entscheiden, wo man hängen will?

Ich möchte mich jetzt nicht in Spekulationen verlieren, ob man sich auch noch nach dem eigenen Tod irgendwie für Jesus entscheiden kann. Das überlasse ich getrost ihm.

Ich will lieber fragen, ob es sinnvoll ist, die Paradies-Entscheidung auf das Ende zu verschieben. So wie manche Männer die Religion erst mal ihren Frauen überlassen. „Ums Paradies kümmere ich mich dann, wenn ich nichts anderes mehr kann.“

Dahinter versteckt sich ja die seltsame Hoffnung, dass man erstmal drauflos leben kann und sich die Frage der eigenen Verantwortung nicht stellen muss. Bei genauerem Hinsehen keine besonders erwachsene Hoffnung. Eher dumm. Zumindest wenn wir in irgendeiner Form mit Gott rechnen. Oder damit, dass unser Leben Folgen hat für irgendjemand. Oder für die Schöpfung. Natürlich sind wir für uns verantwortlich. Und zwar nicht erst am Ende, sondern jeden Tag. Dass wir das nichts ständig zu spüren kriegen, ist eigentlich auch schon eine Gnade. Wir spüren und sehen das nur nicht immer. Und ignorieren es manchmal sogar geflissentlich, obwohl wir es wissen.

Wir können das gelebte Leben nämlich nicht einfach mit einem Federstrich korrigieren. Jeder Tag ist einmalig und nicht wiederholbar.  Wenn Du heute etwas hättest gut machen können und hast es nicht, kannst du es nie wieder für den heutigen Tag gut machen. Der heutige Tag ist morgen vorbei. Gäbe es in der Zukunft einen Punkt, von dem aus wir zurückschauen können, könnten wir uns das immer anschauen. Das Leben ist nämlich live. Ist wie ein Livekonzert.

Das ist ja die Angst und Lust von Livemusikern: die Töne, die wir spielen, sind einmalig. Und wenn wir uns verspielen, sind die Töne trotzdem in der Welt. Live. Man kann es irgendwie versuchen zu korrigieren, aber nicht mehr zurücknehmen.

Und so ist es mit unserem Leben auch. Es ist live. Und läuft ab. Eine Sekunde nach der anderen. Eine Tat nach der anderen. Gutes und weniger Gutes überdeckt sich nicht, sondern reiht sich aneinander. Wie an einer Wäscheleine. Auf ewig da und, wenn man könnte, auch sichtbar.

Aber deshalb gilt die Frage „rechts oder links?“ vom Kreuz letztlich allen Menschen. Und sie gilt zu allen Zeiten. Dabei geht es zum Glück ja nicht um unsere Kreuzigung, sondern darum, mit welcher Haltung du oder ich durchs Leben gehen wollen. Und natürlich entscheide ich mich hier. Man entscheidet sich immer. Nur nicht immer bewusst.

Auch wenn ich mich vor einer klaren Antwort drücke, ist das eine Entscheidung.

Will ich mit einer gewissen Demut davon ausgehen, dass auch ich auf die Gnade und Vergebungsbereitschaft Gottes und meiner Mitmenschen angewiesen bin? Oder will ich das nicht?

Interessant ist, meines Erachtens, was passiert, wenn ich hier mit „Ja“ antworte. Ich behaupte, das macht aus mir einen anderen Menschen. Sofort. Die Entscheidung, auf die Gnade und Vergebungsbereitschaft Gottes und der Menschen angewiesen zu sein und auch darum zu bitten, wirkt sich auf meine Lebensqualität aus. Denn ich denke, die Antwort Jesu an den glücklichen Übeltäter wäre immer noch seine Antwort an uns: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Denn ein Mensch, der aus einer Haltung der Demut mit der Gnade Gottes und anderer Menschen lebt und rechnet, lebt letztlich im Frieden mit Gott und mit seinen Mitmenschen. Was durchaus eine Form von Paradies ist. Und es könnte tatsächlich heute beginnen.

Wir bemühen uns, gut zu leben. Wir wissen, dass unser Leben Folgen hat und wir für uns und das, was wir tun, verantwortlich sind. Wir bitten trotzdem, oder gerade deswegen auch um die Gnade Gottes und seine Vergebung.

Und erhalten sie. —-

Das wünsche ich euch und mir.

Heute.

Gott segne uns. Amen